Reset

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Manchmal muss man ziemlich flach am Boden liegen, um zu erkennen das ein Neustart nötig ist.Manchmal muss es einem ziemlich ausweglos erscheinen, um zu erkennen wo der Ausweg ist und manchmal muss man ziemlich viel Angst vor der Zukunft haben um den Mut zu entwickeln die Gegenwart zu verändern.

Ich war so flach am Boden, dass ich zur Teppichkante aufschauen konnte, alle Auswege waren versperrt mit Gegenständen, Tatsachen und Argumenten und auf Zukunft hatte ich keine Lust mehr. Klingt theatralisch, war aber so. Die Gedanken in meinem Kopf drehten sich im Kreis, als hätten sie eine Dauerabo am Kinderkarussell gewonnen.

Ich musste erkennen, dass ich mich in den letzten Jahren mit meinen Erwartungen und Anforderungen an mich selbst und meine vernichtendes Urteil über mich selbst in eine ziemlich erdrückende Lage gebracht habe und es fühlte sich so an, als wäre mein Körper so sehr mit Cellophan umwickelt, dass nur noch eine gekrümmte Haltung mögliche war und mein Bewegungsspielraum auf ein Minimum reduziert wurde. Ist ein seltsames Bild, ich weiß, aber das war genau das Bild, was ich vor mir gesehen habe.

Ich würde jetzt gerne sagen, und dann habe ich das und das gemacht, und dann wurde alles wieder gut, aber so war es nicht. Ich kann aber sagen, dass ich für mich ein paar Dinge erkannt habe, die es besser gemacht haben und es sind schon einige Schichten von der einengenden Folie abgefallen.

Ich will mal ein paar Beispiele nennen

Gesunde Ernährung ist schon lange meine Leidenschaft. Ich befasse mich viel damit, lese, sehe mir Dokumentationen und Erfahrungsberichte an. Ich habe schon viel ausprobiert, manches nur kurz durch gehalten, manches über Jahre.

Von allen Ernährungsvarianten habe ich mir viel versprochen. Eine Bessere Figur, bessere Haut, bessere Laune, mehr Energie. Eigentlich habe ich von dem „richtigen“ Essen die große Glückseligkeit erwartet und vielleicht dachte ich auch, wenn ich Vegetarierin oder Veganerin bin, dann bin ich wenigstens etwas und nicht mehr nichts.

Im Prinzip war das Muster aber immer gleich. Erst große Euphorie und Leichtigkeit, dann immer mehr „Ausnahmen“ und schließlich Aufgabe.

Essen war für mich entweder mit Erwartungen behaftet oder mit schlechtem Gewissen, weil ich die Regeln nicht eingehalten habe. Ich habe einen Haufen Geld ausgegeben für bio, zuckerfrei, vegetarisch, vegan, Saft-fasten, Rawfood, Super Foods und Essentials, und die erhofften positiven Veränderungen sind nur selten bis gar nicht eingetreten. Was aber eingetreten ist, ist das ich damit unser finanzielles Budget gesprengt habe!

Das alles wurde mir klar, als ich da so auf dem Boden lag, und zur Teppichkante aufblickte.

Und der Entschluss lag auf der Hand: Ich bin nicht mehr Vegetarierin, nicht mehr Veganerin, nicht mehr Bioladen Kundin, ich bin einfach nur noch ich, und das muss reichen! Das neue ich (oder das echte) passt eben auch nicht in die scheiß H&M Jeans in Größe 38, kauft sein Obst und Gemüse bei Lidl und beißt beim Grillen herzhaft in eine echte Bratwurst und nicht in den überteuerte vegane Fake Wurst. Ja, dafür ist ein Schwein gestorben, das tut mir leid, und ich bin noch immer nicht einverstanden mit Massentierzucht und Tierquälerei, aber ich esse jetzt hin und wieder Fleisch!

Eine weitere Erkenntnis fand ich in meiner Leidenschaft für YouTube Videos. Ich folge dort einigen Familien, die sich digitale Nomaden nennen, mit ihren Kindern auf Weltreise sind und scheinbar ein perfektes Leben führen.

Das Problem ist nur, wenn man sich ständig das scheinbar freie und perfekte Leben von anderen an schaut und dann vom Bildschirm aufschaut, kann die eigene Realität nicht mit diesen professionell geschnittenen und Musik untermalten Bildern der anderen mit halten.

Es entstehen Wünsche, die man eigentlich nie hatte.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, nur wirklich glücklich sein zu können, wenn ich auch durch die Welt reise und morgens mit Meerblick aufwache. Ich, die nach einer Woche Urlaub schon genug habe und wieder nach Hause will!

Meine Arbeit, die ich eigentlich liebe, fühlte sich an wie eine Belastung.

Meine Kinder schienen mir nicht so kreativ und talentiert wie die der Horlachers, Sundancers, Scherzingers und wie sie alle heißen.Sie sind nicht immer fröhlich und einer Meinung mit mir und ich bin nicht immer so liebevolle und ausgeglichen, wie die Mütter dieser Familien es zu sein scheinen.

Aber mal ehrlich, sind sie das wirklich immer? Ich glaube nicht. Ihr Leben erscheint in ihren Filmen perfekt und harmonisch, aber es sind eben nur produzierte Filme, die die guten Momente ihres Lebens zeigen. Klar, den Trotzanfall der Ehefrau oder einen handgreiflichen Streit unter Geschwistern filmt man nicht, das will keiner sehen.

Aber machen wir uns doch nichts vor, immer schön ist nie schön. Jeden Tag am Meer, bedeutet doch ganz schön viel Sand zwischen den Zehen, jeden Tag frei kann auch anstrengend sein, ein echtes zu Hause ist ein sicherer Hafen und die zauberhaften weißen Kleidchen, handgestrickten Strickjäckchen und Riemchenschuhe der bei Instagramm durch den Wald staksenden Kleinkinder sind im echten Leben doch eher unpraktisch.

Ein Foto unseres Esstisches würde keine likes bekommen und in unseren Kinderzimmer stehen ramponierte Ikea Möbel und keine Designerstücke, aber da tuts auch nicht weh, wenn der Filzstift Spuren hinterlässt.

Alle YouTube Abos zu kündigen und meinen Instagramm Account zu löschen war die nächst Konsequenz. Ich habe zwar einige Entzugserscheinungen, aber so langsam gewinnt mein eigenes Leben wieder an Farbe.

Ich mag meine Arbeit sehr gerne und auch mein letztes Jahr in der Weiterbildung möchte ich durch ziehen. Aber die damit verbundene Tatsache, das meine beiden Kleinsten, seit sie im letzten Jahr eingeschult wurden, in eine OGS gehen müssen, hat mich unglücklich gemacht.

Nicht dass die Damen dort keine gute Arbeit leisten würden, es ist eher die Tatsache, dass ich mich um fremde Kinder kümmere, während meine Eigenen in eine Betreuung gehen müssen. Dazu kommen noch die hohen Kosten, die einen beträchtlichen Teil meines Gehaltes auffressen. Nach einem Jahr mit schlechtem Gewissen und Kindern die lieber zu Hause wären, als bis vier in der Schule, haben wir den Schritt gewagt, die zwei von der OGS ab zu melden.

Das geplante Konstrukt die Kinder zu Hause zu betreuen ist noch zu wackelig um es hier näher zu erklären, es haben sich Möglichkeiten auf getan, die noch vor einiger Zeit undenkbar gewesen wären und wir haben entschlossen ein Wagnis einzugehen und sie zu nutzen.

Von unserem Wunsch aufs Land zu ziehen, um etwas mehr Freiheit zu bekommen habe ich hier ja schon einmal berichtet. Nachdem wir jetzt Jahre damit verbracht haben, nur zu sehen was wir nicht haben und in Wartestellung zu sein, wollen wir jetzt wieder den Blick darauf richten, wie gut wir es haben. Wir haben uns bewusst gegen den Verkauf unseres Hauses entschieden und es fühlt sich erstaunlicher weise gut und richtig an (tut mir leid liebe Nachbarn, wir bleiben). Das Überraschende war, dass genau in dem Moment, in dem wir los gelassen haben, das lang ersehnte Angebot für ein Haus auf dem Land gekommen ist. Und wir haben es abgelehnt, und es fühlt sich ebenfalls gut und richtig an, tada!

Es gibt noch einige Stellschrauben an denen wir gerade drehen und es ist ein gutes Gefühl, sich zu bewegen statt in Schockstarre und Selbstmitleid zu verfallen.

Die Teppichkante sehe ich inzwischen wieder von Oben und das Dauerabbo fürs Gedankenkarussell ist abgelaufen. Ich werde jetzt definitiv nicht mehr schön und schlank, aber dafür vielleicht wieder glücklich

5 Kommentare zu „Reset

  1. Liebe Tanja, erstens finde ich wirklich dass du schlank und ein attraktive Frau bist. Zweitens weiß ich aus sicherer Quelle, dass einige dieser digitalen Nomaden am Existenzminimum krebsen und nicht mal Geld für ein Rückflugticket haben. Was du da beschreibst ist, in meinen Augen, die Aufgabe von Selbsterziehung. Und das kann nur gut sein!!! Ich hab auch mein halbes Leben lang nur über Essen und meine Figur nachgedacht. Pfff, ist mir jetzt schnuppe. Ich werd nicht dünner und nicht jünger, nur weiser… 😊 Alles Gute dir und deiner Familie

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    1. Hallo Susanne, danke für das Kompliment, und danke für Deinen Kommentar. Ich brauchte eine Weile um zu erkennen das nicht alles so gut ist, wie es dargestellt wird und das das was ich für nicht so gut gehalten habe doch nicht so schlecht ist. LG Tanja

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  2. Hallo Tanja,
    du schreibst mir hier total aus der Seele (nur, dass ich die Teppichkante weggelassen habe)! Den Blick nicht nach außen umherschielend richten, sondern erkennen, wie es bei einem selbst ist und es akzeptieren und kleinschrittig klug verbessern, wenn es nötig ist. Alle kochen mit Wasser, alle haben Aufs und Abs. Man sollte sich nie zur Geißel von vermeintlichen Lebenszielen machen lassen. Glücklich im Kleinen. Jeden Tag so nehmen, wie er kommt.
    Ich habe mich für die Betreuung der Kinder, gegen die OGS entschieden. Das war für mich richtig. Ich finde, dass die Jungs ausgeglichener und glücklicher sind. Urlaube weit weg brauche ich nicht. Vegetarier werde ich auch nicht mehr. Dafür bewusster und verantwortunsbewusster im Denken und Handeln, wo ich es für sinnvoll erachte. Das Leben darf nicht ein einziges Prinzipienreiten sein.
    Ich suche nicht mehr „das große Glück“, sondern erfreue ich an der alltäglichen Zufriedenheit. In diesem Sinne: Rock on!

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    1. Hallo, danke für deinen Kommentar. Es ist schön zu sehen das es Menschen gibt, die die Dinge ähnlich sehen wie ich oder besser gesagt wie ich sie endlich wieder sehen kann. Glücklich im Kleinen trifft es genau. Das Streben nach perfekt, schön, reich und berühmt ist auf die Dauer zu anstrengend und eh nicht zu erreichen. Glückliche Kinder hingegen kriegt man relativ einfach hin. LG Tanja

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