Angenommen

2018-11-02-14-06-23

Ich hatte in den letzten Tagen ein Aha Erlebnis, von dem ich hoffe das es nachhaltig in meinem Gedächtnis bleibt.

Es gab ein Gespräch, zwischen mir und einem Menschen, über den ich eine ganze Sammlung von Vorurteile hatte. Einige davon habe ich mir selber zusammen fabuliert, andere habe ich unreflektiert übernommen.

Bei besagtem Gespräch wurde deutlich, dass das was ich für Bequemlichkeit hielt, gründlich durchdacht und gut gelöst war, was in meinen Augen Desinteresse war, stellte sich als Sorge und gründlich beobachtet heraus und was mir nachlässig erschien, war durchaus überlegt und konsequent. Wo ich Panik und Aktionismus erwartete und auch für angemessen hielt, stieß ich auf Ruhe und abwartende Gelassenheit die wohltuend und nützlicher war.

Ich muss sagen, dass ich mich nach dem Gespräch richtig schämte, für meine Gedanken und für meine, hinter dem Rücken, ausgesprochenen Worte.

Manchmal ist es einfacher mit den Wölfen mit zu heulen, statt sich selber davon zu überzeugen ob wirklich Vollmond ist. Und den Wölfen zu sagen, dass sie falsch liegen und  ihre Klappe halten sollen, ist leider  auch nicht meine Stärke.

Mir ist dabei klar geworden, dass ich mit meinem Bild, von Richtig und Falsch, Menschen beurteile. Das mein Richtig, für den Anderen Falsch ist und mein Falsch, sich für andere vielleicht gerade richtig anfühlt, blende ich dabei total aus.

Statt dessen verurteile ich, stemple ab und stecke in Schubladen.

Ein bisschen kann ich mich  damit rausreden, dass das ja irgendwie auch in unsere deutschen Kultur liegt. Klare Regeln, klare Normen, Abweichungen nicht erwünscht.

Neulich hörte ich von einem “Benimmbuch” für Flüchtlinge in Deutschland, das darüber aufklären soll, wie man, bzw. Flüchtling, sich in Deutschland eben zu benehmen hat. Unter anderem steht dort geschrieben, dass es unüblich und nicht erwünscht ist, wenn man sich im öffentlichen Nahverkehr mit seinem unbekannten Sitznachbar unterhält!

Stimmt, das tun wir nicht. Wir weichen Blicken aus, starren auf unsere Smartphones und fühlen uns von zu lauten Unterhaltungen eher gestört, als das wir uns beteiligen würden. Manchmal gibt es auch Menschen ohne Migrationshintergrund, die diese Regel missachten und ihre Mitmenschen grundlos an lächeln oder gar ein Gespräch beginnen wollen. Und wenn wir ehrlich sind, finden wir das eher befremdlich und den kommunikativen Genossen stempeln wir als etwas seltsam und verschroben ab.

Der fremde Sitznachbar hat rücksichtsvoll und leise zu sein, der Wohnungsnachbar angepasst und unauffällig, die Verkäuferin und der Kellner müssen  freundlich und vorausschauend sein, der Sachbearbeiter hilfsbereit und sachkundig, der Lehrer soll Autorität ausstrahlen aber gleichzeitig partnerschaftlich mit seinen Schülern umgehen, die Erzieherin soll immer geduldig und liebevoll sein aber auch Grenzen setzen und erziehen, Kinder sollen widerstandslos tun was Erwachsene ihnen sagen aber lernen ihren eigenen Kopf zu benutzen und von Eltern wird erwartet, dass sie sich aufopferungsvoll um ihre Kinder kümmern, sie behüten aber auch loslassen  können. Sie sollen ihnen Freiheit geben, aber bitte so, dass sich niemand anderes gestört fühlt. Sie müssen rund um die Uhr für sie da sein, dürfen dabei ihre eigene berufliche Karriere aber nicht vernachlässigen. Ach, und der Flüchtling für den das schöne Benimmbuch geschrieben wurde, hat dankbar zu sein, das wir ihn in unserem Land leben lassen und  über unsere Altkleiderspende soll er sich sehr freuen.

Wer aus der Reihe tanzt, bekommt ganz schnell seinen Platz in einer Schublade.

Der  überlastete Kellner und die müde Verkäuferin kommen in die Schublade mit der Aufschrift “unfreundlich”. Der  Lehrer, des schlecht benoteten Kindes, sitzt in der Abteilung “ungerechte Menschen”. Die Grenzen setzende Erzieherin, kommt in die “lieblos” Schublade. Der Beamte, der sich an die Regeln hält, wird in “machtgeil” gesteckt. Der Flüchtling, der seine eigene Kultur nicht verleugnen will und gerne Markenkleidung tragen möchte, wird  in „nicht integrierbar“  und „undankbar“ einsortiert.  Das bewegungsfreudige und selbst denkende Kind, kommt wahlweise in “ADHS” oder “unerzogen” und die Mutter dieses Kindes, findet ihren Platz in “unfähig”. Bevor wir sie da rein geworfen haben, hat sie übrigens die Aufschrift gelesen und glaubt es von nun selber.

Ein bisschen kann ich also meine Sozialisation verantwortlich machen.

Aber da ist ja noch mein gut funktionierender Kopf den ich benutzen könnte, mein Herz, dass zu Manchem seine Meinung los werden will und mein Bauchgefühl, auf das ich hören könnte.

Ich könnte einen Menschen so annehmen, wie er ist, eine Situation akzeptieren wie sie sich mir gerade da bietet. Ich könnte aufhören zu verurteilen und statt dessen davon ausgehen, dass gute Gründe vorliegen.  Ich könnte versuchen Verständnis auf zu bringen, statt Veränderung zu erwarten, damit ich die Situation besser ertragen kann. Und ich sollte zukünftig besser nichts sagen, statt zu lästern.

Ich könnte alle meine Schubladen leer machen und leer lassen, außer eine, und auf der würde “menschlich” stehen.

Besonders  im Hinblick auf meine eigenen und die mir anvertrauten Kinder, hoffe ich, dass es mir  in Zukunft besser gelingt, sie so an zu nehmen, wie sie sind und nicht ständig optimieren und verändern zu wollen.

Und wenn Ihr das nächste mal mit der Bahn oder dem Bus unterwegs seit und euch eine verrückte Frau, breit grinsend, ein Gespräch aufzwingen will, dann bin ich das. Man muss ja mal alte Muster aufbrechen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close