Zerstörtes Leben

2018-20-01-19-27-44

Ich habe in der letzten Woche einen kleinen, junge Mann kennen gelernt. Er ist erst ein paar Monate alt, und wir sind uns zum ersten mal begegnet. Die Tür und die Herzen der Menschen, bei denen er zur Zeit wohnt, waren schon lange für jemanden wie ihn weit auf und so habe ich mich, für sie und für den kleinen Kerl gefreut, dass er nun bei ihnen sein darf. Was dieses Kind bereits hinter sich hat, und warum es nicht mehr bei seinen leiblichen Eltern lebt, gibt allerdings keinen Anlass zur Freude und im Normalfall hören wir Geschichten, wie seine, nur in den Nachrichten von “ganz weit weg”.

Dieses Kind hat einen mehrfachen Schädelbruch erlitten und mehrere Rippenbrüche, weil seine Eltern, in dessen Obhut er sich eigentlich sicher und geborgen fühlen sollte, die Kontrolle verloren haben.

Dieses Kind ist kerngesund auf die Welt gekommen, voller Vertrauen darauf, das es ihm in der Nähe seiner Eltern gut gehen wird, und sie es beschützen und versorgen werden. Statt dessen, ist es schwerst misshandelt, und erst einige Tage später zu einem Arzt gebracht worden.

Dieses Kind hat nun bleibende Schäden an seinem kleinen Gehirn, dessen Ausmaße noch nicht ab zu sehen sind. Und auch die Verletzungen, die seine Seele erleiden mussten haben Wunden hinterlassen, unter denen es sein Leben lang leiden wird.

 

Seine Geschichte will mir nicht aus dem Kopf gehen. Es ist für mich so unvorstellbar, wozu Menschen in der Lage sind. Welches gewalttätige Geschehen  solch schwerwiegende Verletzungen  verursacht hat, will ich mir  nicht vor stellen. Klar ist nur, das war kein Unfall und kein Versehen. Und klar ist, dass dieses Schicksal kein Einzelfall ist und das “ganz weit weg” eigentlich “neben an” ist.

 

Wenn man ein Kind auf die Welt bringt, dann sind die Gefühle zu diesem kleinen Bündel so überwältigend und die Liebe, das Glück und die Freude sind erst einmal unglaublich groß.

Aber als Eltern lernt man auch, das es eine Schattenwelt im Familienglück gibt. Ängste, Überforderung, Schlafmangel, zeigen Seiten von uns, die wir nie kennen lernen wollten und von dessen Existenz wir nichts ahnten.

Ein Baby, das stundenlang schreit, obwohl du alles getan hast, damit es ihm gut geht, kann dich  an deine Grenzen bringen. Schlafentzug über mehrere Wochen läßt sich nicht mehr weg lächeln. Und auch der Wutanfall des zweijährigen im Supermarkt, begleitet von den “hilfreichen” Erziehungstipps zahlreicher  Schmalspurpädagogen, die mit  in der Kassenschlange stehen, gehört nicht zu den Höhepunkten des Eltern sein.

Wir reden nicht über unsere negativen Gefühle, schämen uns ihrer und bitten selten um Hilfe. Wir spielen uns gegenseitig vor, das alles prima läuft, und wurschteln  uns durch. Wir geben unser Bestes, machen manches richtig und manches falsch. Unsere Kinder verzeihen es uns, weil sie uns bedingungslos Lieben. Und wir, dürfen uns diese Fehler auch verzeihen, weil wir in dem Moment, in dem wir sie gemacht haben nicht anders konnten.

Und in ein paar Jahren ist die Geschichte, “Als Mama  vor Wut alle zehn Eier auf den Boden geschmissen hat”,  ja auch ein nettes Anekdötchen. Und spätesten als Mama die Sch… selber weg putzen musste hat sie sich fürs nächste mal etwas mehr Selbstbeherrschung vorgenommen.

 

Aber was ist nun mit  Eltern, die die Kontrolle so verlieren, das sie Gewalt gegen ihre Kinder anwenden? Ein Kind zu misshandeln und zu missbrauchen ist kein kleiner Fehler, über den man später gemeinsam lachen kann. Es zerstört ihr Leben!

Was ist mit den Eltern, des kleinen Jungen?

Ich vermute, sie haben sich auf ihn gefreut, als er im Bauch seiner Mutter heran wuchs. Ich glaube, sie waren glücklich und voller Liebe, als er geboren wurde. Ihm Gewalt an zu tun, war ganz sicher nicht ihr Plan. Man weiß nicht, wer der Täter war, und sie sind nicht mutig genug es zu sagen. Sicher ist, das Kind wurde schwer misshandelt und    weder davor geschützt noch rechtzeitig zum Arzt gebracht. Ihr Verhalten ist unentschuldbar und ich persönlich, habe mein Vertrauen in sie, als Eltern verloren.

Ich frage mich auch, an welcher Stelle dieses schreckliche Geschehen hätte abgewendet werden können und ob es hätte abgewendet werden können? Ich frage mich, was dazu führt, dass ein Mensch so die Kontrolle über sich verliert, das er alle Grenzen überschreitet.

 

Als ich Bereitschaftspflegemutter war, und der erste Besuchskontakt mit den Müttern der Kinder, um die ich mich kümmerte, anstand, habe ich  Monster erwartet. Statt dessen saßen da ganz normale Frauen, mehr Maus als Monster. Keine von ihnen, hat das, was sie getan oder unterlassen hatte, aus Bosheit oder Hass getan, sondern aus Überforderung und weil sie es nicht besser wusste. Gut und böse läßt sich nicht so einfach einteilen. Allerding  musste ich mich auch nie mit so schwerwiegenden Fällen befassen. Aber das Gewalt gegen Kinder NIE eine Option sein darf muss doch jeder wissen, oder?

 

Ich habe keine Antworten auf all diese Fragen, und auch nach einem lockeres Witzchen zum Abschluss ist mir heute nicht zu Mute.

Ich möchte aber noch mal deutlich machen, dass schon beim kleinen Schlag auf den Hintern, auf die Finger, ins Gesicht, Gewalt beginnt. Schlagen ist kein Erziehungsmittel sondern ein Zeichen der Hilflosigkeit. Und kommt mir nicht mit dem „Ein kleiner Klaps hat noch niemanden geschadet“. Wer das glaubt, hat die Gefühle, die er als Kind in diesen Momenten durchleben musste, verdrängt. Die Scham, die Hilflosigkeit, die Ohnmacht,  das Unverständniss und die tiefe Entäuschung. Kinder sind sehr leidensfähig und haben eine unglaubliche Bereitschaft zu verzeihen. Sie wünschen sich nichts mehr, als geliebt und akzeptiert zu werden, und zwar so wie sie sind!

Unser aller Verantwortung liegt für mich darin, dass wir  uns gegenseitig unterstützen, das wir nicht die Augen verschließen vor den Nöten der Anderen und soziale Verantwortung übernehmen.

Kein  -Geiz ist geil- ,  kein  -Hauptsache mir geht´s gut- ,  kein  -ich zuerst- ,  kein  -das geht mich nichts an-  und kein -und was hab ich davon?-

Ich weiß nicht, ob das die Gesundheit des kleinen Jungen gerettet hätte, aber es wäre auf jeden Fall ein Anfang.

 

4 Kommentare zu „Zerstörtes Leben

  1. manchmal_Lyrik Wolfgang Weiland 20. Januar 2018 — 20:16

    das berührt sehr…so einfach ‚mögen’/liken kann man das nicht…

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    1. Da hast Du recht, das ist nichts zum Mögen! Aber ich finde es wichtig darauf aufmerksam zu machen. Danke für deinen Kommentar

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  2. Tja, ich hatte vor einigen Monaten in der Straßenbahn ein Erlebnis, das mir jetzt wieder einfällt: eine junge Frau mit ihrem zweieinhalbjährigen Kind. Sie redete in einem agressivem Ton mit dem Kind, das Kind redete nicht, ich denke es wahr behindert. Die Mutter drohte, sie würde aussteigen und es wirkte so, als wolle sie das Kind alleine lassen(nur als Drohung). Sie stieg mit der Kleinen aus und riss sie an einer Hand hoch und über die Stufen aus der Bahn hinaus.. Ich war betreten und hilflos. Ich bin mutig, ich sah für mich aber keine Gelegenheit einzugreifen, die Erfolg versprechend war.

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    1. Ja, solche Situationen kenne ich gut und ich fürchte, hättest Du die Frau angesprochen, und wäre es noch so freundlich gewesen, hättest Du eine Abfuhr bekommen.

      Gefällt 1 Person

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