Respekt, Alter!

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Ein schrecklicher Unfall auf der Autobahn. Es gibt Schwerverletzte und Tote. Statt zügig an der Unfallstelle vorbei zu fahren, filmen einige Menschen mit ihrem Handy. Ein Feuerwehrmann hält mit dem Wasserschlauch auf die geschlossenen Autoscheiben der Gaffer. Statt sich zu besinnen, will man Strafanzeige gegen den Feuerwehrmann stellen…

Die Kassiererin im Supermarkt schiebt die Lebensmittel über den Scanner, nennt den zu zahlenden Preis und unterstreicht das ganze  sowohl mit einem “Bitte” als auch  einem freundlichen Lächeln. Die Dame Kundin schmeißt wortlos ihre EC Karte auf das Kassenband, tippt die Geheimzahl  ein, nachdem die Kassiererin die Karte in das Kartenlesegerät gesteckt hat, nimmt  Ware und Karte und geht, ebenfalls wortlos…

Wir haben noch fünf Minuten Unterricht. Die Dozentin ist hoch engagiert und möchte ihr Thema zum Ende bringen. Wir sind in der Erwachsenenbildung, was bedeutet, jeder von uns ist freiwillig hier. Dennoch stehen drei Leute, noch während die Dozentin redet einfach auf und verlassen den Klassenraum, um in die Pause zu gehen…

Eine  Bekannten stellt mir eine Frage. Noch bevor ich sie zu Ende beantwortet habe, dreht sie sich um und beginnt ein neues Gespräch, mit einer anderen Person…

Ein netter Abend unter Freunden. Die Gästin plaudert während des gesamten Abends fleißig  per Whats App mit ihrer Arbeitskollegin, Freundin, Bekannten, Tochter und wahrscheinlich auch mit dem Herrn der sich verwählt hat…

Überholvorgang auf der Autobahn. Ich bin  mit dem, von mir überholten Auto, auf gleicher Höhe. Von hinten rauscht ein Wagen der Spitzenklasse mit hoher Geschwindigkeit heran, klebt mir an der Stoßstange und läßt seine Lichthupe auf leuchten, damit ich ihm Platz mache…

Ein Treffen, viele Erwachsene, ein Kind, das vor Langeweile auf seine Mutter einschlägt, und kaum von ihr daran gehindert wird…

 

Ich könnte noch Seiten mit Erlebnissen dieser Art füllen.

Was ist da los mit uns? Warum achten wir nicht mehr auf unsere Mitmenschen und warum zollen wir ihnen kein Respekt mehr? Und was passiert, wenn wir unseren Kindern nicht mehr vermitteln können, was Respekt bedeutet?

“Respekt Alter” höre ich des öfteren von Jugendlichen. Das Wort ist noch bekannt, aber beherrschen wir die Kunst, unserem Gegenüber respektvoll zu begegnen noch? Und wie erreicht man es, seinem Kind einen respektvollen Umgang zu vermitteln?

Wie so oft in der Pädagogik ist die Wahrheit unbequem. Es gibt keinen “Fahrplan”, kein Erziehungstipp, kein “mach es so, dann erhälst du das gewünschte Ergebnis”.

Ich sehe den einzigen Weg darin, ein gutes, verlässliches Vorbild zu sein, an dem meine Kinder sich orientieren können, beginnend damit, dass ich respektvoll und freundlich mit ihnen umgehe.

Ein unterdrückender Erziehungsstil, in dem ich der “Bestimmer” bin, einzig und allein, weil ich der Erwachsene bin, kann nicht der richtige Weg sein.

Kinder haben das Recht ihre Meinung zu Äußern, ihre Lebenswelt mit zu gestalten und ihre Grenzen zu verteidigen. Wir müssen ihre Bedürfnisse und Grenzen erkennen, akzeptieren und ernst nehmen.

Und wie oft gehen wir Erwachsene in ganz banalen Alltagssituationen über diese Grenzen hinweg, ohne darüber nach zu denken?

Zwei zweijährige im Sandkasten streiten um ein Förmchen, das einem von beiden gehört. Die Mama des  Förmchenbesitzers sagt: “Ach, du hast doch noch mehr Förmchen, lass das Kind doch damit spielen, du musst auch mal teilen!” Vom Kind wird erwartet, dem fremden Kind seinen Besitz zu überlassen.

Ja, teilen sollte es im Laufe seines Lebens lernen, aber dann, wenn es selber dazu bereit ist und nicht wenn wir das gerne hätte, damit die anderen Mamas auf dem Spielplatz sehen, wie großzügig und liberal wir sind.

Wie sehe denn die Sache aus, wenn eine fremde Frau  sich unsere Handtasche nehmen würde, und auf unseren Protest hin, würde unser Sprössling dann sagen: “Mama, du hast doch noch so viele Handtaschen zu Hause, lass sie doch der Frau, du musst auch mal teilen”?

Wir zerren an Kindern rum, schieben sie vor uns her und notfalls nutzen wir unsere körperliche Überlegenheit, indem wir sie hochnehmen und tragen, wenn sie sich weigern von allein zum von uns gewünschten Ort zu gehen.

Wir sagen ihnen, dass es gar nicht so schlimm war, wenn sie sich weh getan haben, oder nichts passiert ist. Und wenn ein Kind seinen Gefühlen schneller und heftiger Ausdruck verleiht, als wir es für angemessen halten, sind wir genervt darüber, dass es “schon wieder heult” und können kaum noch Verständnis aufbringen.

Wir stellen sie vor Anderen bloß, indem wir ihr Verhalten  diskutieren und über sie sprechen, während sie daneben stehen.

Und auch im Ton vergreifen wir Erwachsenen uns Kindern gegenüber schneller, als wir es bei einem Erwachsenen tun würden. Ich jedenfalls habe noch nie einen meiner erwachsenen Gäste angepflaumt, dass er sich jetzt endlich mal auf den Hintern setzen soll und mein angebotenes Essen eigentlich aufessen muss,  wenigstens aber probieren wird!

Wenn wir Kindern von Anfang an respektvoll und freundlich gegenüber stehen und ihnen, bei von uns unerwünschten Verhalten, nicht ständig böse Absicht unterstellen würden, dann wäre schon ein großer Schritt in sachen Respekt getan.

Wenn ich selbst respektvoll behandelt werde, dann behandle ich Andere auch respektvoll.

Und damit ist nicht gemeint, dass wir bei allen Dingen des Familienalltags die Entscheidung den Kindern überlassen müssen und sie grenzenlos agieren dürfen sollten. Ich und mein Mann sind immer noch Häuptling des Stammes, aber die Indianer dürfen gerne ihren eigenen Kopf benutzen, und ihre Ergebnisse mitteilen. Entscheidungen werden so oft wie möglich in der Gemeinschaft am Lagerfeuer getroffen, doch manchmal müssen die Häuptlinge sich zum Wohl des Stammes zur Beratung ins Tipi zurückziehen und ihre getroffene Entscheidung muss vom Stamm akzeptiert werden.

 

Der zweit Teil unserer Vorbildrolle ist, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Denn nicht big brother is watching you, sondern little child is watching you! Und zwar immer und überall.

Fangen wir doch einfach mal klein an. Ein Bitte und Danke, hat noch niemanden geschadet, und auch ein freundliches “Hallo” und “auf Wiedersehen” ist kein erhöhter Zeitaufwand.  Die aufgehaltene Tür, das Hilfsangebot beim Taschen tragen, den Nachbarn ein Stück mit dem Auto mitnehmen, Höflichkeit kommt nicht aus der Mode!

Wenn ich im Auto laut schimpfe, weil sich jemand, meiner Meinung nach, falsch verhalten hat, dann fällt mir oft zu spät ein, dass die Zuschauerbank hinter mir voll besetzt ist. Und leider, ist mein Wortschatz dem Publikum gegenüber, nicht immer angemessen!

Und wenn ich schlecht über die Lehrerin oder Erzieherin des Kindes, in seinem Beisein spreche, dann muss ich mich nicht wundern, wenn sich das auf sein Verhalten ihr gegenüber auswirkt.

Unser Verhalten im Kleinen lässt sich durchaus auf das Große übertragen.

Wenn ich meinen Müll auf die Straße schmeiße, mich im Wald wie die Axt im selbigen benehme, und mich daran beteilige, die Ressourcen und Lebewesen unserer Erde gnadenlos auszubeuten, wenn ich konsumiere und agiere ohne die Folgen zu bedenken weil nur mein Wohlstand und Vorteil im Vordergrund stehen, dann kann ich davon ausgehen, dass meine Kinder dieses Verhalten übernehmen.

Und wo uns das hingebracht hat, sehen wir, wenn wir uns die Nachrichten anschauen.

Polizisten und Rettungssanitäter werden bei der Ausübung ihrer Arbeit angepöbelt und angegriffen, hater Kommentare im Internet, die sich face to face niemand wagen würde auszusprechen, Feuerwehrmänner, die angeklagt werden, weil sie Gaffer vom Filmen abhalten wollen, Menschen, die andere Menschen gefangen halten und quälen, Eltern, die ihre Kinder misshandeln und verwahrlosen lassen, Menschen die  Mitmenschen lieber töten, als zu akzeptieren, dass sie einen anderen Glauben oder eine andere Weltanschauung haben, Politiker, die es vorziehen ihre Machtspielchen untereinander zu spielen, statt ihrem vom Wähler gegebenen Auftrag nach zu kommen, sich zu einigen und das Land zu regieren.

Wer keinen Respekt vor dem Leben hat, hat auch keinen Respekt vor der Welt. Und ich weiß ja nicht wie es mit Euch ist, aber ich habe keine Ersatzwelt in der Tasche! Also müssen wir doch auf diese hier ganz besonders gut aufpassen, und auf alles was auf ihr wohnt, oder?

 

Wir sind alle nur Menschen (übrigens auch Eltern und Erzieher und vermutlich auch Politiker) Wir alle machen Fehler, und das ist gut so. Aber die Kunst des Fehler machens ist es, zu erkennen wann eine Kehrtwende und vielleicht sogar eine Entschuldigung fällig ist.

 

4 Kommentare zu „Respekt, Alter!

  1. Alle Achtung! Ihr Kommentar ist eine Oase in der Blog -Wüste und wohl wert wieder und weiter besucht und gelesen zu werden! Haben Sie einen schönen Sonntag.

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    1. Hallo deingrünerdaumen, herzlichen dank und es würde mich sehr freuen wenn wir uns öfter auf meinem Blog treffen. Liebe Grüße

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  2. Das ist ein wahrlich toller Artikel, den ich voll und ganz unterschreiben kann! GENAUSO denke ich auch. Das mit der Vorbildfunktion ist mühsam, an manchen Tagen und in manchen Situationen, aber nicht aufgeben! Ich bleibe dran… Viele liebe Grüße und: Einen schönen Blog hast du!

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    1. Hallo Schachtldaifal, danke, es freut mich, dass dir mein Blog gefällt und das wir einer Meinung sind. Jetzt müssen wir noch ein paar Andere davon überzeugen und dann machen wir die Welt zu einem besseren Ort. Liebe Grüße

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