Wieviel virtuelle Welt ist OK?

2017-19-11-12-43-24

Unser 14jähriger Sohn ist unter die Gamer gegangen. Er hat sich von seinem Geburtstags- und Konfirmationsgeld einen Computer zusammengebaut, der eigens für das Spielen von online Games gedacht ist. Bemerkenswert ist ja schon mal, das er die Einzelteile dafür selbst zusammengekauft hat, und das Ganze zu einem funktionierenden Gerät zusammengebaut hat. Da fielen Worte wie Grafikkarte und Motherboard, letzteres hielt ich in meiner Unwissenheit eher für ein Alien Mutterschiff, als für ein Computerteil. Von mir kann er das nötige Wissen also schon mal nicht haben!

Das Gerät funktioniert, er ist sogar über Bild und Ton mit anderen Gamern vernetzt, und Mama ist sehr beeindruckt.

Zunächst gab es keine zeitliche Begrenzung von uns, wir wollten erstmal sehen, wie er damit umgeht und ob er selber ein für uns akzeptables Maß findet.

Einzige Abmachung, keine Ballerspiele, in denen wild auf alles geschossen wird, was über den Bildschirm läuft und Gewalt verherrlicht wird.

Der Junge ist ein sehr sozialer Mensch, ich denke nicht, dass er irgendwann zum Amokläufer wird, aber Gewaltverherrlichung  im Spiel, führt meiner Meinung nach dazu, dass Gefühle und natürliche Grenzen abstumpfen und die Grenzen zwischen Realität und digitaler Welt verwischt werden.

Er versprach sich daran zu halten, und ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass er es auch tut.

Aber ich möchte mich auch nicht die ganze Zeit dazu setzen, oder unerwartet in sein Zimmer platzen, um ihn zu kontrollieren.

Wie so oft, im Zusammenleben mit Kindern, stehen sich Vertrauen und Kontrolle  im Kampf gegenüber.

Die ersten Tage war klar, dass er viel Zeit mit dem neuen Spielzeug verbringen wird. Wie heißt es doch so schön, “Neue Besen kehren gut”! Und auch die erste “Lan-Party Nacht” haben wir milde lächelnd akzeptiert.

Aber als die Begeisterung und Spielzeit auch nach einigen Wochen nicht weniger wurde, er zu spät und nur widerwillig zu gemeinsamen Mahlzeiten auftauchte und täglich nach der Schule direkt in sein Zimmer verschwand, merkten wir, dass eine Selbstregulierung hier nicht funktioniert.

Wir haben den Sog der digitalen Welt unterschätzt.

Also wurde ein Gespräch mit dem Online Held fällig, die Zeit am PC musste begrenzt werden. Immer noch hoffend, dass er selber einsieht, dass das, was er tut, schädlich für ihn ist, habe ich ihn gefragt, welchen zeitlichen Rahmen er sich geben würde, wäre er an unserer Stelle. Mir ist klar, dass das Zeitempfinden am Computer eine anderes ist, als das der Echtzeit. Eine Stunde im Netz fühlt sich oft wie fünf Minuten an und wenn ich mal eben einen Text schreiben will, werden ganz schnell zwei Stunden da raus. Aber wir konnten uns auf ein akzeptables Zeitfenster einigen, das garantiert, dass er zu den Mahlzeiten auftaucht, noch an Aktivitäten außerhalb der digitalen Welt teil nimmt und, dass er in der Woche zu Zeiten ins Bett kommt, die ihn am nächsten Tag, in der Schule nicht einschlafen lassen. Auf Selbstkontrolle haben wir allerdings nicht mehr gebaut. Sein Internetzugang ist zeitlich begrenzt. Versuche, die Fritzbox zu knacken, um die Begrenzung auf zu heben, konnten vom Vater vereitelt werden. Aber schlau ist der Bengel ja, ich hätte auch hier nicht gewusst, wie das geht!

Die digitale Welt ist eine Art  “Zauberwelt” für  Kinder. Alles ist möglich, die Konsequenzen sind  überschaubar und gering. In der realen Welt sind Kinder und Teenager uns  doch sehr ausgeliefert. Viel wird von den Erwachsenen vorgegeben, Widerspruch ist kaum möglich, Selbstbestimmung abhängig von dem Wohlwollen der Eltern und Lehrern.

“Nicht gut in der Schule? Dann kannst du nichts und wirst du nichts”, “Sei doch nicht immer so traurig, wütend, albern, laut oder leise”, “Pass dich an”, “Mach nicht immer was deine Freunde sagen, hast du keinen eigenen Kopf?”, “Mach was ich dir sage” ,“Das macht man nicht”, “Rede nicht so viel”, “Du redest gar nicht mehr mit uns”, “Du machst es jetzt, weil ich es will”, “Du musst doch wissen, was du willst”!

Die Regeln stehen fest, und die, die sie gemacht haben müssen sich nicht mal daran halten. Wer Widerstand leistet ist mindestens schwer erziehbar wenn nicht sogar psychisch krank.

Da kann es doch ganz schön sein, in eine Welt zu flüchten, in der ich nicht mehr klein und machtlos bin. In der ich der Held bin und in der ich sogar den Erwachsenen überlegen bin.

Hier ist es nicht wichtig, wie ich aussehe, wie stark oder schwach ich in Wirklichkeit bin, wieviel Geld ich habe und wie gut ich in der Schule bin. Hier sagt mir keiner, was ich tun oder lassen soll, und wenn meine Spielfigur alle Leben verloren hat, fange ich das Level noch mal von vorne an.

Eigentlich ganz verständlich, dass die Kinder sich in dieser Welt so wohl fühlen. Einzige Gegenmaßnahme ist, die reale Welt der Kinder so zu gestalten, dass sie sich in ihrem Sein akzeptiert und gewertschätzt fühlen und sich nicht für andere verstellen müssen. In der sie möglichst selbstbestimmt sein können, sich ausprobieren dürfen und ihre Fehler ihnen nicht als Versagen, sondern als Lernerfolg zugestanden werden.

Wenn die echte Welt attraktiv ist, gibt es kaum Gründe, in eine virtuelle Welt zu flüchten.

Und wenn wir uns ansehen, wie wir als Vorbilder fungieren, müssen wir uns nicht wundern, dass schon die Kleinsten danach gieren, unser Handy, Tablet oder PC nutzen zu dürfen.

Meine Meinung über Eltern, die auf dem Spielplatz nur in ihr Handy starren, statt auf ihre Kinder, habe ich ja schon öfter kundgetan und spare ich mir an dieser Stelle.

Aber wir nutzen diese Geräte ja auch positiv, und sie können tolle Hilfswerkzeuge sein, z.B.  als Nachschlagewerke, zum Filmen und Fotografieren, zur Kommunikation  usw. Sie sind ein Teil des Fortschritts der inzwischen fest in unseren Alltag gehört und im Berufsleben als Fertigkeit erwartet wird.

Kein Mensch könnte lesen, was ich schreibe, gebe es das Internet nicht, ohne Pinterest hätte ich nicht so viele schöne Deko- und Bastelideen, ohne Bildbearbeitungsprogramm wären meine Fotos miserabel, ohne Whats App wäre meine Telefonrechnung unbezahlbar und ich hätte die vielen lustigen Videos und Kettenbriefe nie bekommen (!), ohne you tube hätte ich viele Vorträge nicht gesehen, die mein Weltbild verändert haben (nicht zu vergessen die Katzenvideos!) und ohne das Rechtschreibprogramm würde ich mich gerade ganz schön blamieren!

Also gibt es nichts zu verteufeln und vor unseren Kindern zu verbergen, sondern es gilt, den richtigen Umgang damit zu vermitteln.

Gerne würde ich jetzt behaupten, dass  bei uns jetzt alles super klappt und wir alle sehr zufrieden mit der getroffenen zeitlichen Vereinbarung sind. Leider ist das Kind aber alles andere als zufrieden und versucht täglich zu feilschen und zu verhandeln. Ich wäre auch fast weich geworden, hätte ich nicht bei einer Fortbildung eine Mitarbeiterin der Suchtberatung getroffen. Sie berichtete von Spielsüchtigen, die das Trinken und Essen einstellen um nicht mehr auf die Toilette zu müssen und so länger am PC sitzen können. Diese brechen dann über der Tastatur mit akutem Nierenversagen zusammen, und wären sie nicht von den Eltern gefunden worden, hätte ihr junges Leben an dieser Stelle sein Ende gefunden. Live Points 0, Credit Points 0!

Es tut mir leid mein Sohn, es bleibt wie es ist, aber wir haben dich trotzdem lieb.

Ich Korrigiere: Weil wir dich lieb haben, bleibt es, wie es ist!

 

 

6 Kommentare zu „Wieviel virtuelle Welt ist OK?

  1. Super geschrieben. Aber ich verstehe dich. Ich kenne eine junge frau..sie war damals 22, die hat beim pc gegessen, getrunken. Einmal hat ihr vater den internet zugang gekappt. Die war so hysterisch das sie den notarzt brauchte. Sie flüchten sich in diese welt und haben das fefühl sie können nicht mehr ohne.

    Liken

    1. Ja, ist wirklich erschreckend, wie weit diese Sucht gehen kann. Unser Sohn bleibt auch nicht Tiefenentspannt, wenn wir ihn unterbrechen. Aber ich denke wir haben noch einen guten Einfluss auf ihn.

      Liken

  2. Ich möchte dich nicht kritisieren.
    Ganz im Gegenteil finde ich es gut,
    wenn du deinem Sohn etwas auf die Finger sehen möchtest.

    Trotzdem will Ich anmerken dass es keine Videospiele gibt,
    in denen man Bonuspunkte für Vergewaltigungen bekommt.
    Das ist eine Falschmeldung und Verdrehung von Videospielgegnern.
    Meist beziehen sich solche Meldungen auf GTA.
    Die Details erspare ich dir einfach mal.

    Und nein, das ist keine entrüstete Meldung von einem Zocker.
    Ich selbst spiele schon jahrelang nicht mehr.
    Dennoch sind solche Meldungen unwahr.

    Aber ich gedenke nun nicht dich mit Details zu langweilen.
    Dennoch wie gesagt ist es gut wenn du hier Grenzen setzt.
    Verstehe meinen Kommentar nicht falsch.

    Es gibt nur sehr viele Falschmeldungen über Videospiele,
    die leider sehr viele Menschen glauben.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo, ich danke Dir für Deinen Kommentar. Du hast Recht, die Anspielung bezog sich auf GTA und tatsächlich habe ich mich nicht selbst davon überzeugt, sondern anderen Glauben geschenkt. Und wenn es das so nicht gibt, dann ist das doch prima und mein Sohn kann sich ohne Schwierigkeiten an unsere Abmachung halten. Ich habe auch nichts gegen Hobbys wie das Zocken, es muss nur daneben auch ein „echtes“ Leben geben. LG Tanja

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close