Die Welt steht still

2017-25-09-19-48-47

Es ist noch früh am Morgen. Im Haus herrscht noch Ruhe. Die Kinder schlafen, und weil Sonntag ist, muss auch niemand aus dem Bett getrieben werden.

Ich mag diese Zeit. Ich mag die Stille. Keiner will was von mir, und auch ich muss niemanden zur Eile antreiben, Butterbrote schmieren, aus den Untiefen der Schultaschen, wieder aufgetauchte Elternbriefe, unterschreiben, oder Turnbeutel packen. Ich muss keine klammen Jeanshosen trocken Föhnen, weil sie erst am Vorabend aus der Waschmaschine kamen, aber unbedingt angezogen werden müssen, und ich muss nicht mit Engelszungen auf meine Zwillinge einreden, dass sie jetzt wirklich aufstehen müssen, weil wir in zehn Minuten im Auto sitzen müssen. Schön.

Ich könnte jetzt einfach da sitzen, meinen Tee trinken und nichts tun. Aber so einfach ist es leider nicht, den Effizienzmodus ab zu schalten. Das Gedankenkurassel lässt sich nicht bremsen. Die Wäsche müsste dringend zusammengelegt werden, und die dreckige Wäsche findet den Weg auch nicht von allein in die Waschmaschine. Nein, jetzt sitze ich hier, und trinke meinen Tee.

Eigentlich, muss ich dringend ein Fachbuch zu Ende lesen, und der Abgabetermin, für eine Facharbeit, rückt auch immer näher. Ich wollte auch endlich beginnen, mein Englisch zu verbessern. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt damit zu beginnen, solange die Kinder noch schlafen, habe ich Ruhe.

Nein, jetzt sitze ich einfach hier, und mache mal nichts.

Ich müsste mir eigentlich dringend aufschreiben, was ich von der letzten Fortbildung umsetzen will, sonst vergesse ich die vielen guten Impulse. Und Yoga sollte ich auch mal wieder machen.

Nein, sitzen bleiben, Tee trinken, nichts tun!

Der Frühstückstisch muss noch gedeckt werden, die Brötchen auf gebacken. Eigentlich wollte ich ja wieder selber backen und nicht mehr den Industriellen Mist kaufen. Wenn wir es pünktlich in den Gottesdienst schaffen wollen, müssten die Kinder doch so langsam wach werden, sonst wird es wieder hektisch, bis wir alle im Auto sitzen. Mein Mann klappert mit dem Geschirr, er räumt die Spülmaschine aus. Ist ja nett von ihm, aber das Geklapper stört mich, und jetzt fühle ich mich noch schlechter, weil ich die Spülmaschine nicht ausgeräumt habe, statt dessen, einfach nur entspannt da sitzen möchte, und meinen Tee trinken will., verdammt noch mal!

Wie sind wir Menschen nur in diese Misere geraten? Warum glauben wir, immer produktiv und effizient sein zu müssen?

Warum fällt es uns nur so schwer, unseren inneren Einpeitscher zur Ruhe zu bringen, und uns zu erlauben, im jetzt und hier zu sein? Warum fühlen wir uns schlecht , fast faul, wenn wir uns eine Zeit des Nichtstun gönnen. Unsere Tage haben keinen natürlichen Lebensrhytmus mehr. Alles ist jeder Zeit möglich, wir sind überall und immer erreichbar. Nur Leistung zählt.

Auch vor unsere Kinder, macht dieser Wahnsinn keinen Halt. Einfach spielen, oder vor sich hin träumen, wird als Zeitverschwendung ab getan. Etwas tun, um des Tun willens, reicht nicht. Da muss schon irgend ein vorzeigbares Ergebnis oder ein sinnvoller Lerneffekt bei raus kommen.

Möglichst, sollte er zu einer Verbesserung der Schulleistung führen.

Und überhaupt sollen sie gute Leistung erbringen. Auf dem Fußballplatz sollte der Junior schon ein Tor geschossen haben, damit Papa stolz ist, oder mindestens die Vorlage für eines gegeben haben. „Dabei sein ist alles“, hat ausgedient.

Das Instrument soll perfekt beherrscht werden, und die Übungsstunden werden zur Pflichtveranstaltung, auch wenn der Spaß am Musizieren dabei verloren geht. „Später wirst du uns noch dafür dankbar sein“!

Eine drei in Mathe, na da wäre aber noch mehr drin gewesen, hätte es sich nur mehr angestrengt! Schulisch gesehen, mag das ein Befriedigend sein, aber befriedigt, sind Eltern damit nur noch selten.

Wir leben nicht mehr im Moment, sondern für das Später!

Der Kindergarten soll möglichst gut auf die Schule vorbereiten. Der Gedanke der vorzeitigen Einschulung wird immer reizvoller. In der Grundschule erwarten wir Leistungen, die für das Gymnasium reichen, damit später ein Studium möglich ist, um später einen guten Beruf zu haben, um genug Geld für später zu verdienen, um noch später den Ruhestand sorglos genießen zu können.

Die Arbeitswoche bringen wir hinter uns, um dann endlich das Wochenende  mit allen möglichen Aktivitäten voll  zu packen. Stillstand ist kaum aus zu halten. Der Stau auf der Autobahn, die Schlange an der Kasse, das volle Wartezimmer beim Arzt, Zeitverschwendung!

Wir reißen die Tage unserer Lebenszeit ab, als hätten wir Garantie auf ein Morgen. Ein Morgen wird es geben, aber ob wir dann noch mit spielen dürfen, wissen wir nicht.

Schneller, höher, weiter. Unsere to do Listen haben kein Ende, und bestenfalls, sind wir dazu in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

Multitasking, nennt sich die Kunst, möglichst effizient mehrere Sachen gleichzeitig zu erledigen, und mit den Gedanken, bei nichts davon, wirklich bei der Sache zu sein.

Das ist ein Leben in ICE Geschwindigkeit. Du bist durch viele Städte gefahren, hast aber keine davon wirklich gesehen. Die Landschaft verschmilzt zu einem bunten Farbstreifen, Details werden unsichtbar. Das Leben verschmilzt zu einem grauen Leistungsstreifen, Details werden unsichtbar.

Das Schlimme daran ist, dass wir bei all der Überforderung auch noch so tun, als wäre das völlig natürlich, selbstverständlich, und normal.

Entweder übersehen wir alle körperlichen Alarmzeichen und brennen an beiden Enden, bis wir komplett ausgebrannt sind. Unser Körper, zieht dann, ohne den Verstand zu fragen, die Notbremse . Mit einem burn out, Depressionen oder einer anderen Krankheit, die uns zwingt, an zu halten, stehen wir plötzlich vor dem Nichts.

Oder wir merken sehr genau, das wir mit unseren Kräften über unsere Verhältnisse leben, würden aber niemals offen zu geben, das es so ist. Momente der Schwäche lassen wir nur im Verborgenen zu. Nach Außen tun wir so, als hätten wir alles im Griff, und spielen unsere Leistung sogar noch runter.

Wenn sich bei uns Gäste ankündigen, räume ich wie wild auf, putze und bringe alles auf Hochglanz. Ich lasse Wäsche an Orte verschwinden, die der Gast nicht zu sehen bekommt, wische Staub, und dekoriere den Tisch, der sonst, mit Spielzeug, Zeitungen und gelesener Post belagert ist, mit Tischdecke und jahreszeitlicher Deko.

Ich backe Kuchen, oder koche ein Abendessen unter Stress, ranze die Kinder dabei an, dass ich jetzt keine Zeit für sie habe und beklage mich dabei, dass die ganze Arbeit an mir hängen bleibt.

Wenn die Gäste dann bemerken, wie ordentlich es ist, oder wie lecker das Essen ist, tue ich so, als wäre das alles nichts Besonderes. Ha ha, wer schon mal überraschend bei uns aufgetaucht ist, weiß, dass dies nicht der Normalzustand ist!

Ich jongliere als berufstätige Mutter von fünf Kindern mit einigen Bällen in meinem Leben. Manche sind mir einfach zu geworfen worden, manche habe ich selber in meine Jongliernummer mit aufgenommen, einige würde ich gerne wieder los werden, andere gebe ich freiwillig nicht mehr her. Klar ist aber, das es nicht immer leicht ist, alle gleichzeitig in der Luft zu halten, und mir nicht selten alle auf den Boden fallen.

Ich denke, wir müssen besonders unter Müttern damit aufhören, so zu tun, als hätten wir alles spielend im Griff.

Statt dessen, sollten wir uns unterstützen. Mit offenen Ohren zum aus heulen, gegenseitiger tatkräftiger Unterstützung im Alltag, weniger Lästereien und einem Notfallpäckchen Kopfschmerztabletten, Schokolade und Humor, in der Handtasche.

Ich fange jetzt mal damit an:

Ich bin nicht perfekt, und ich bin ein „auf den letzten Drücker“ Arbeiter. Bei uns ist es selten blitz sauber und aufgeräumt, ich habe oft keine Lust, Hausaufgaben mit meinen Kindern zu machen, ich bin nicht immer die Ruhe in Person, ich werde manchmal sehr laut und zickig, ich liege gerne mal auf der Couch, der Wäscheberg in unserer Waschküche ist manchmal gigantisch, ich bügle unsere Wäsche nicht, ich finde meine Kinder manchmal doof und ich hasse Gesellschaftsspiele, Halleluja!

So, und jetzt gehe ich meinen Tee trinken, ganz in Ruhe, die Wäsche liegt auch morgen noch da!

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