Geschenkte Zeit

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Das Thema Fernsehen, ist in unserer Familiengeschichte, vom ersten Kind an, allgegenwärtig, und ein Kampf gegen Windmühlen.

Leider muss ich zu geben, dass ich das Fernsehgerät eine Zeit lang missbraucht habe, um die Kinder in bestimmten Situationen ruhig zu stellen. Ebenso habe ich es als Druckmittel bei unerwünschtem Verhalten, und als Belohnung bei erwünschtem Verhalten eingesetzt.

Ich habe diesem Thema selbst einen so großen Raum in unserem Familienleben gegeben, dass ich mich eigentlich nicht darüber wundern sollte, wie wichtig es für die Kinder geworden ist.

Auch, waren wir als Eltern, lange kein gutes Vorbild, in Sachen Fernsehkonsum. Wir wussten es nicht besser, sind wir doch in Familien aufgewachsen, in denen ein hoher Fernsehkonsum nicht in Frage gestellt wurde.

Später, als uns klar wurde, wie schädlich diese ständige Berieselung von schnell wechselnden Comic Bildern, und Werbetrailern, für das Kindliche Hirn ist, haben wir versucht die Notbremse zu ziehen.

Aber da war der Köder längst gefressen, und die Herrschaften waren auf den Geschmack gekommen.

Ihnen den lieb gewonnenen Freund wieder zu nehmen, bzw. nur zeitweise zu lassen wurde zum Geduldsspiel. Wir versuchten mit verschiedenen Systemen den Medienkonsum der Kinder ein zu schränken:

Fernsehzeit, die sie sich durch Mithilfe im Haushalt verdienen konnten, gescheitert!

Feste Zeiten, innerhalb derer das Gerät laufen darf, gescheitert!

Eine Zeitschaltuhr, damit der Fernseher nur zu bestimmten Zeiten mit Strom versorgt wird, gescheitert!

Fernbedienung versteckt, gescheitert! Besonders, wenn unser Versteck so gut war, dass wir es selber nicht mehr wieder gefunden haben.

Fernbedienung mit Code gesichert, geknackt und gescheitert!

Unser Erfindungsreichtum wurde jedes mal von der kriminellen Energie unserer Kinder übertroffen. Der Höhepunkt waren die Fernseh- freien Sommerferien, in denen wir das Gerät auf den Dachboden gestellt haben. In diesem Abstellraum sollte es für die gesamten sechs Wochen bleiben.

Wir dachten auch für einige Tage, das klappe prima, und die Kinder würden sich tatsächlich daran halten. Wir freuten uns darüber, dass sie scheinbar wieder dazu in der Lage waren sich spielend zu beschäftigen. Bis ich etwas früher als angekündigt nach Hause kam.

Die Panzer Knacker Bande (da waren es noch drei, die Zwillinge waren noch nicht geboren) hatte ein Verlängerungskabel bis zum Dachboden gelegt, inklusive Antennenkabel und saß in stiller Eintracht vor der geöffneten Dachboden Tür. Dahinter, der auf Hochtouren laufende Fernseher!

Fernseh- freie Sommerferien, gescheitert!

Schließlich wurde uns klar, das wir nicht erwarten konnten, dass die Kinder die Lücke selbstständig füllen konnten, die wir auf rissen, in dem wir ihnen die gewohnte Zeit vor dem Fernseher nahmen.

Wir mussten für Alternativen sorgen, und vor allem mussten wir mit gutem Beispiel voran gehen.

Einerseits erzählten wir unseren Kindern, was für ein großer Spaß- und Zeiträuber die Flimmerkiste sei, und andererseits saßen wir selber jeden Abend davor. Nicht wirklich glaubwürdiges Verhalten!

Dazu kam, dass das „Zu Bett geh Ritual“ unter Zeitdruck statt fand, weil wir ja pünktlich, um viertel nach acht vor dem Abendprogramm sitzen wollten. Noch ein Kuss? Noch eine Geschichte? Auf keinen Fall, dann verpasse ich den Anfang vom Tatort!

Ich könnte mich heute dafür Ohrfeigen, wenn ich daran denke, wie viele Kuschelstunden, Kinder-Philosophie Lektionen über Gott und die Welt, und Berichte der Sorgen und Freuden des Tages, ich verpasst habe. Nur weil ich nicht zu spät vor dem Fernseher landen wollte. Keine Sekunde, dieser verpassten Chancen kommt zurück, aber jeder dieser Filme wurde wahrscheinlich schon unzählige Male wiederholt.

Nichts, was ich dort gesehen habe, war wichtig für mein Leben. Die Zeit, die ich meinen Kindern hätte schenken können, wäre aber unglaublich wichtig für sie gewesen.

Der Schlüssel aus dieser Misere war schließlich, dass wir der Sache die Wichtigkeit genommen haben.

Fernsehen wurde ab sofort weder als Erziehungsdruckmittel eingesetzt, noch als kostenloser Babysitter.

Wir boten Alternativen, wie Spielabende, lasen Bücher, malten, bastelten, erzählten uns etwas. Im Sommer blieben wir oft bis zur Schlafenszeit im Garten, lagen auf dem Trampolin betrachteten die Sterne, oder machten ein Lagerfeuer und redeten miteinander. Kurz, wir traten in Konkurrenz mit dem Fernsehprogramm, und meist waren wir Sieger, denn bis zum Teenageralter verbringen Kinder sehr gerne Zeit mit ihren Eltern.

Die Tatsache, dass fast alle Sender privatisiert wurden, führte schließlich dazu, dass wir zwar noch einen Fernseher besitzen, aber kein normales Fernsehprogramm mehr empfangen können. Für den Sch… , den die privaten Sender bieten, wollen wir nicht auch noch bezahlen.

Wir schauen nur noch ausgewählte Filme oder Dokus, über einen großen online Händler. Diese Kinoabende sind etwas Besonderes. Es gibt Popcorn oder Chips, und wir machen es uns miteinander gemütlich. Werbesendungen gibt es dort nicht, was dazu führte, dass die Kinder keine lange Wunschliste mehr haben, von unnützen Dingen, die ihnen von der Werbeindustrie angepriesen werden.

Die Zwillinge haben ihren Aktionsradius in der Siedlung erhöht, und besuchen Kinder in der Nachbarschaft. Sie spielen viel Draußen, fahren Fahrrad oder Roller. Sie schauen sich keine ausgedachten Abenteuer im Fernseher an, sondern sind Erfinder ihrer eigenen Abenteuer, live und in Farbe.

Ich kann nicht behaupten, das Fernsehen kein Thema mehr bei uns ist. Natürlich fragen die Kleinen zwischen durch danach. Meistens lassen sie sich auf unsere gemeinsame Zeit am Wochenende vertrösten, und manchmal dürfen sie auch eine Folge „Lauras Stern“ oder „Bibi und Tina“ außer der Reihe sehen. Denn bekanntlich üben strenge Verbotene ja den größten Reiz aus.

Bei unseren Großen ist übrigens auch nicht viel von der Fernsehsucht übrig geblieben. Zum Glück haben sie andere Freizeitbeschäftigungen gefunden, erfindungsreich waren sie ja schon immer!

2 Kommentare zu „Geschenkte Zeit

  1. Hallo Du. Also ich habe herzlich gelacht. Das mit dem Dachboden und dem Verlängerungskabel – köstlich!! Aber Du hast Recht, der Fernseher wird oft als einfaches Beschäftigungsprogramm missbraucht, oder eben als Babysitter. Alles Liebe C.

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    1. Hallo, sorry, meine Antwort kommt spät. Ja, jetzt kann ich auch darüber lachen, aber als ich sie erwischt habe war ich nicht ganz so entspannt. Es freut mich, das Dir/Euch? meine Texte gefallen. Liebe Grüße Tanja

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