Ein Pfund Vertrauen, bitte!

2017-23-08-17-40-01

Wir sind im Schwimmbad. Es ist schon spät, im Kinderbecken befinden sich nur noch mein sechsjähriges Zwillingsmädchen und ich.

Ich sitze im knietiefen Wasser und schaue ihr zu, wie sie die Rutsche runter rutscht. Nur ist das Kind inzwischen so groß, oder die Rutsche so klein, dass das Rutschvergnügen kein Großes ist. Sitzt sie mit ausgestreckten Beinen am Startpunkt, sind ihre Füße schon fast am Ziel angekommen. Kein Nervenkitzel! Also kreiert sie eine neue Möglichkeit, das Spielgerät zu nutzen. Hände links und rechts an den Rand, und dann die Rutschfläche hoch laufen.

Das machen meine Kinder gerne, auch auf Spielplätzen, ist aber, eine von der Gesellschaft nicht akzeptierte Form der Rutschen Nutzung! Und nicht selten werden sie von anderen, in der Nähe stehenden Müttern, darauf hingewiesen, dass man so nicht rutscht, und gerne kommt noch ein warnendes „das ist gefährlich“ hinterher.

Wer weiß, vielleicht gibt es in Deutschland ja ein Rutschen rutsch Gesetzt, in dem genau festgelegt ist, wie das Spielgerät vom Nutzer zu nutzen ist.

Im Schwimmbad jedenfalls scheint es dieses Gesetzt zu geben, denn der Bademeister, die richterliche Instanz des öffentlichen Bäderwesens, kommt auf uns zu, und fordert mein Kind auf, das Laufen auf der Rutschfläche zu unterlassen.

Kein Problem, das Kind ist anpassungswillig und kreativ. Sie steigt nun, ordnungsgemäß, die Treppe hoch, um sich dann, weniger ordnungsgemäß, mit den Füßen, links und rechts, auf den oberen Rand der Rutsche, zu stellen. Ihre Hände lassen los, sie sucht und findet ihr Gleichgewicht, richtet ihren Körper langsam auf. Nun steht sie, freihändig, oben auf dem Rutschenrand. Sie fordert mich auf, zu gucken, was ich bereits die ganze Zeit gespannt tue, und ich sage ihr, wie toll sie das macht.

Natürlich denke ich, „hoffentlich fällt sie nicht runter“. Ihre Füße sind nass, was nicht gerade hilfreich ist, wenn man Halt sucht auf einer glatten Kunststofffläche. Natürlich frage ich mich, was alles passieren kann, wenn sie ab stürzt, und natürlich ist mir klar, dass die kleine akrobatische Einlage, beim Bademeister, keine Begeisterungstürme auslösen wird. Aber ich entschließe mich, ihr mein Vertrauen zu schenken.

Sie hat sich eine Herausforderung gesucht, und hat das Vertrauen in sich, dass sie sie meistern kann. Sie ist die Expertin für ihren Körper und ihre Fähigkeiten, wie kann ich da zweifeln?

Natürlich ist es meine Aufgabe als Mutter, Gefahren von meinen Kindern ab zu wenden, und irgendwie müssen wir uns ja auch in die gesellschaftlichen Normen einfügen. Wären wartende Kindern da gewesen, oder wäre das Risiko, einer ernsthaften Verletzung, zu hoch gewesen, hätte ich eingreifen müssen. Aber ich darf sie auch nicht aus bremsen, nur um meine persönlichen Ängste zu beruhigen.

Ihre Fähigkeiten erwerben Kinder nur, wenn sie eigene Erfahrungen machen dürfen. Sie entdecken die Welt, durch Versuch, Irrtum und Erfolg.

Es kommt, wie es kommen muss, der Bademeister schießt mit einem „Ey, runter da“ heran. Ich kann ihn verstehen. Er trägt die Verantwortung, und wenn man verantwortlich gemacht wird, dann kann man kein Vertrauen schenken. Dann überwiegt der Sicherheitsgedanke.

Ähnlich verhält es sich auch in den Kindergärten. Der Sicherheitsaspekte steht über Allem. Auf kleinere Bäume klettern, ohne Fallschutzmatten darunter, wegen Verletzungsgefahr, verboten! Baumstümpfe und Wurzeln, die eine herrliche, natürliche Spiellandschaft abgeben, wegen Stolpergefahr, verboten! Fußballtor, trotz Verankerung am Boden, keine Ahnung warum, verboten! Klopapierrollen und Eierkartons, zum basteln, wegen der Gefahr der Keimbelastung, verboten! Eine echte, brennende Kerze auf dem Geburtstagstisch, wegen Verbrennungsgefahr, verboten! Kuchenteig naschen, wegen Salmonellengefahr, verboten, verboten, verboten!

Was ist nur los mit uns Eltern? Warum haben wir so wenig Vertrauen in unsere Kinder, und in ihre Fähigkeiten? Warum lassen wir ihnen nicht die Möglichkeit, sowohl ihren Verstand, als auch ihren Körper zu trainieren? Statt dessen engen wir sie ein, mit Regeln und Verboten, mit Erklärungen und langen Dialogen.

Wir merken dabei nicht, dass wir ihnen damit ihre Selbsterfahrung, und Selbstständigkeit  nehmen.

Die Welt dürfen Kinder nur noch aus sicherer Entfernung kennen lernen. Angeschnallt, mit Helm, Knieschoner, und Daunenkissen am Hintern.

Was wir dabei übersehen, ist die Tatsache, dass man ohne Selbstvertrauen in viel größerer Gefahr schwebt. Seelisch und körperlich.

Denn wenn wir unseren Kindern ständig signalisieren, „das kannst du nicht“, „das ist zu gefährlich für dich“, „das schaffst du nicht ohne mich“, dann glauben sie uns das irgendwann, und dann glauben sie nicht mehr an sich. Wir Eltern sind die wichtigsten Vorbilder für unsere Kinder, und ihre Loyalität uns gegenüber ist so groß und grenzenlos, das sie alles für richtig halten was wir tun und sagen.

Wenn sie nie das Risiko eingehen durften, auf einen Baum zu klettern, oder die Hitze einer Kerzenflamme zu spüren (ja, selbstverständlich unter Aufsicht!), dann werden ihnen wichtige Lernerfahrungen vorenthalten. Dann nutzt das Kind vielleicht die erst beste Gelegenheit, um heimlich, ein kleines Feuerchen zu entfachen. Denn der Forscherdrang, ist trotz aller Verbote da. Hier lauert doch die wirkliche Gefahr.

Kinder kommen mit einem unglaublichen Vertrauen, in sich, und in uns, auf die Welt. Sie glauben, dass alles möglich ist, dass sie alles lernen können und alles sein können. Und vermutlich könnten sie das auch, wenn wir Erwachsenen uns ihnen nicht ständig in den Weg stellen würden.

Der Professor für Neurobiologie, Gerald Hüther, geht sogar einen Schritt weiter, und sagt: „Jedes Kind ist hoch begabt, wir müssen es nur erkennen und entsprechend handeln.“ Er beschreibt das Zusammensein mit unseren Kindern als eine Art Schatzsuche.

Leider, verlieren wir Eltern oft den Blick, für die Schätze, die in unseren Kindern schlummern.

Mein ältester Sohn ist ein Tüftler und Bastler. Schon früh zeigte sich sein Hang zur Forschung und Technik. Er wollte erfinden, bauen, konstruieren und entwickeln. Und statt dieses Talent in ihm zu sehen, statt ihn zu unterstützen und zu ermutigen, habe ich ihn ständig wissen lassen, dass das was er vor hat, nicht realisierbar ist. Ich war genervt von dem Chaos, welches er mit seinen Aktivitäten verbreitete, von dem Krach, den er dabei verursachte und von den Beschwerden, die uns sein Tun einbrachten.

Er träumte z.B. davon, ein Flugzeug, in original Größe, zu bauen, und damit zu fliegen. Von mir bekam er zu hören, dass das nie gelingen würde. Er nannte es Fluchtzeug, vermutlich, weil er damit vor uns flüchten wollte. Ich nannte es Fluchzeug, weil das riesen Ding lange, wie ein Fluch, in unserem Vorgarten stand.

Ich habe ihn mit seinen Träumen nicht fliegen lassen, sondern mit meinem Realismus am Boden gehalten.

Er hat heimlich Grenzen überschritten, um sich aus zu probieren, und Gott sei Dank, ist ihm dabei nichts passiert. Ich habe nur gesehen wie unangepasst er in Schule und Alltag ( das hört er nicht gerne!) war. Leider habe ich seine Talente dabei völlig übersehen. An dieser Stelle habe ich als Mutter versagt. Weder seine Begabung, noch sein Drang zu schaffen, sind dadurch beeinflusst worden. Aber der Beziehung zwischen uns, hat mein Verhalten geschadet.

Ich habe aus meinen Fehlern gelernt, und hoffe das ich wachsam genug bin, um sie nicht zu wiederholen.

Gebt Euren Kindern erst feste Wurzeln, dann starke Flügel, und lasst sie fliegen. Aber nicht von Schwimmbad Rutschen!

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