Mama out of control

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Mist, es ist mir wieder passiert! Ich bin zu der Mutter mutiert, die ich ganz sicher nicht sein möchte.

Mein sechsjähriges Zwillingsmädchen ist sehr eigen, was ihren Kleidungsstil angeht. Sie boykottiert Jeanshosen, und zieht nur Leggings und Kleider an. Sie zieht ihre Vorstellung von „schön“ gnadenlos durch, was mich in der Vergangenheit, das ein oder andere mal dazu veranlasste, den Erziehern im Kindergarten mit zu teilen, dass ich nicht verantwortlich bin, für das Assemble des Tages.

Nun ist sie ja ein frisch gebackenes Schulkind, der Herbst hat sich heran geschlichen, und die Sommerkleider werden langsam unbrauchbar. Also, benötigt das Kind neue Kleidung. Und weil ich ja weiß, wie speziell und konsequent das Töchterchen in dieser Beziehung ist, nehme ich sie mit zum shoppen, damit sie sich ihre neuen Sachen selbst aussuchen kann.

Alles, was wir an diesem Tag kaufen, ist von ihr ab gesegnet, und gefällt ihr im Geschäft super.

Alles was mir gefällt, optisch und preislich, hänge ich brav wieder weg, wenn sie ihr OK nicht gibt. So gehen wir also gut gelaunt, sie mit einer prall gefüllten Tasche, ich mit einem leeren Portmonee, nach Hause, und sind sehr zufrieden.

Der nächste Morgen kommt, und das Kind teilt mir mit, den neuen Pullover mit dem Fliegenpilz drauf, bräuchte ich ihr gar nicht geben, den würde sie nicht an ziehen. Der ist nicht schön!

Solche Aussagen kenne ich schon aus der Vergangenheit, und ich weiß, dass sie nur in ganz seltenen Fällen wieder revidiert werden. Einige, nie getragene Kleidungsstücke in ihrem Schrank, sind meine stillen Zeugen.

Beim Anziehen der neuen Leggings, lamentiert sie, das wäre ja wohl keine Leggings, sondern eine Hose, und Hosen ziehe sie nicht an. Bis dahin bleibe ich noch ruhig, sehe aber vor meinem geistigen Auge, die Euroscheine, wie lustige kleine Vögelchen, in den Mülleimer flattern.

Die ohnehin knappe Zeit des Morgens schreitet voran, die Kinder müssen in die Schule, und ich in den Kindergarten (ha ha)!

Sie schimpft weiter über die neuen Sachen, zerrt daran rum, und wird immer hysterischer. Ich auch! Ich rate ihr, jetzt nicht mehr ganz so ruhig, damit auf zu hören, weise noch mal darauf hin, dass sie sich die Sachen aussuchen durfte, und ich für meine Großzügigkeit etwas mehr Dankbarkeit erwarten würde (ha ha ha)!

Aber sie hört nicht auf, und irgendwann kommt der Punkt, an dem ich die Kontrolle verliere, den Berg neuer Sachen packe, in den Mülleimerschrank knalle, zum Kind gehe, ihr die bereits angezogenen Sachen, mehr als unsanft, vom Körper reiße und ebenfalls in den Müll schmeiße. Dann zische ich noch, jetzt könne sie ihre alten Sachen an ziehen.

Während der ganzen Aktion, beobachte ich mich selbst, sehe wie falsch mein Handeln gerade ist, kann mich aber nicht mehr bremsen.

Das Kind fängt, verständlicherweise, an zu weinen, der Zwillingsbruder verschwindet pikiert in den Flur, um seiner wütenden Mutter aus dem Weg zu gehen, und diese nutzt einen unbeobachteten Augenblick, um die Sachen, heimlich, wieder aus dem Müll zu fischen, und in ihrem Kleiderschrank zu verstecken.

Mit verheulten Augen, und Schniefnase, lade ich die in Lumpen (ja, ist übertrieben) gekleidete Tochter und ihren Bruder, an der Schule ab. Ich bin noch so auf Hundertachtzig, dass ich mich nicht bei ihr entschuldigen kann, und unsere Verabschiedung fällt sehr knapp aus.

Auf der Fahrt zur Arbeit, sinkt mein Adrenalinspiegel wieder, und ich fühle mich schrecklich und schuldig. Jetzt könnte ich auch heulen.

Wie sind wir nur wieder in diese Situation geraten, und wo war der Punkt, an dem ich hätte aussteigen müssen?

Ich habe schon während meines Handelns gesehen, dass es falsch war, und trotzdem konnte ich mich nicht mehr bremsen. Ich möchte meine Kinder gewaltfrei erziehen, und rühme mich damit, dass wir nicht klappsen und schlagen. Aber das was ich getan habe, war auch eine Form von Gewalt, das ist mir klar.

Was für eine Zwickmühle. Ich möchte die Kinder möglichst frei und selbstbestimmt aufwachsen lassen, möchte sie mit all ihren Ecken und Kanten akzeptieren, und sie in dem Gefühl bestärken, so richtig zu sein wie sie sind. Und wenn sie dann selbstbestimmt handeln wollen, kann ich es nicht akzeptieren, und versuche ihnen doch meinen Willen auf zu drücken. Wie heißt es so schön:

„Die Freiheit des einen hört da auf, wo das Recht des Anderen beginnt.“

Andrerseits, bin auch ich ein Mensch mit Ecken und Kanten, der sich nicht verbiegen lassen möchte. Auch meine Gefühle und Empfindungen wollen respektiert werden, und auch ich brauche manchmal etwas Verständnis und Rücksicht.

Ja, ich weiß, dass das von einem sechsjährigen Kind noch etwas viel verlangt ist, und ich weiß, dass ich die Erwachsene in diesem Spiel bin.

Aber ich denke, hohes Gericht, was für die Angeklagte spricht ist, dass sie solche entglittenen Situationen reflektiert, nach anderen, besseren Reaktionsmöglichkeiten sucht und sich nicht, nur weil sie die Erziehungsberechtigte ist, grundsätzlich im Recht fühlt. Auch spricht für die Angeklagte, dass sie sich am Nachmittag bei ihrer Tochter entschuldigte, und versucht hat, zu erklären, wie es zu diesem Gefühlsausbruch gekommen ist. Und selbstverständlich hat das Kind seine neuen Sachen zurück bekommen.

Familienleben kann manchmal ein ganz schönes Schlachtfeld sein.

Ein Leben mit Kindern heißt nicht nur, süßes zahnloses Lächeln, und kuscheln auf dem Sofa. Es heißt auch, Meinungsverschiedenheiten, Streit und Stress. Und manchmal wünschte ich mir, die Sache mit dem freien Willen würde erst einsetzten, wenn sie erwachsen sind, und das Haus verlassen.

Aber wir sind die Sparringpartner für unsere Kinder.

An uns können sie sich ausprobieren, und mit uns üben sie, für die Welt da Draußen. Ihr Handeln bleibt auch bei uns nicht konsequenzlos, aber unserer Liebe, Zuneigung und Akzeptanz können sie sich immer sicher sein. Das ist ein wichtiges Rüstzeug für ihr späteres Leben. Und auch emotionsgeladene Reaktionen ihrer Sparringpartner gehören dazu.

Es ist wie in der freien Wildbahn, manchmal gewinnen die, die im Unrecht sind, manchmal gewinnen die, die im Recht sind. Manchmal ist man ungerecht, manchmal wird man ungerecht behandelt.

Aber solange alle dazu in der Lage, und bereit sind, die weiße Flagge zu hissen, und gemeinsam die Friedenspfeife zu rauchen, ist alles gut.

Diese Garantie muss eine Familie geben.

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