Zeit für Veränderung

So, die erste Schulwoche unserer zwei I Dözchen ist um. Und scheinbar, war sie sehr ernüchternd, für die Beiden. Auf die Frage, wie es denn war, antwortete mir mein Söhnchen „Langweilig, die ganze Zeit nur bla bla bla“! Willkommen in der wirklichen Welt mein Sohn, und herzlichen Glückwunsch Schulsystem, das muss man erst mal schaffen, ein Jahr Vorfreude, innerhalb von nur einer Woche, in Frust um zu wandeln.

Schon am Tag der Einschulung, fühlte ich mich wie eine Verräterin.

Da lieferte ich die zwei stolzen Schulbeginner, mit bunten Ranzen, und prall gefüllten Schultüten ab, und lies sie in dem Glauben, dass ab jetzt, da sie endlich Schulkinder sind, alles ganz toll wird, wissend, dass ab jetzt ihre Freiheit ein Ende hat, und vieles überhaupt nicht so toll werden wird.

Das wir uns da nicht falsch verstehen, natürlich möchte ich, dass meine Kinder sich weiter entwickeln, neues lernen und selbstständig werden. Auch glaube ich, dass die Pädagoginnen an den Schulen ihr Bestes geben, und unsere Kinder nach besten Kräften fördern wollen. Woran ich nicht glaube, ist das Schulsystem, innerhalb dessen, Lehrer und Lehrerinnen sich bewegen müssen.

Ein System, in dem Kindern, systematisch, ihre Kreativität, ihr Selbstvertrauen und ihr elementares Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit ab trainiert wird.

Eigentlich, sind unsere Kinder, von Natur aus, mit einem wunderbaren System auf die Welt gekommen, dass sie mit Begeisterung lernen lässt. Wer je mit erleben durfte, wie ein Kind laufen lernt, hatte das Privileg, einen kurzen Blick auf dieses natürliche Lernsystem zu werfen.

Auf wackeligen Beinchen versuchen sie die ersten Schritte, fallen unzählige male hin, und dennoch probieren sie es weiter und weiter. Kein Kind dieser Welt hat das Laufen nicht erlernt, weil es sich dachte, „hat keinen Sinn, ich bin schon so oft gefallen, das lerne ich nie, ich lasse es lieber“. Und noch kein Kind der Welt hat das Laufen erlernt, weil es nach einem vernünftigen Gespräch mit den Eltern eingesehen hat, dass es wohl das Beste sei, es würde das Laufen erlernen, schließlich wolle es ja mal auf eigenen Beinen stehen, einen Beruf erlernen, und da könne die Mama es ja nicht immer noch hin tragen.

Kinder lernen aus der Begeisterung am Tun, das ist ihr Antrieb.

Und nicht wir Erwachsene entscheiden was, wann, an der Reihe ist, sondern die Kinder. Wir könnten uns noch so bemühen, einem Kind das Laufen bei zu bringen, die ausgeklügeltsten Trainingspläne entwerfen, und mit den tollsten Belohnungen locken, es würde nicht gelingen, wenn das Kind noch nicht dazu bereit ist. Das das Gras nicht schneller wächst, wenn man dran zieht, ist ja allgemein bekannt.

Genauso verhält es sich übrigens, mit dem Erlernen der Sprache. Die Leistung, die ein Kind in dieser Phase vollbringt, ist erstaunlich, und nie wieder, in unserem Dasein als Mensch, lernen wir etwas so komplexes, in dieser Geschwindigkeit, und in dieser Perfektion, wie die Muttersprache. Übrigens,  im Selbststudium.

Es braucht keine Lehrmeister nur authentische Vorbilder.

Und authentisch bin ich nur, wenn ich das, was ich tue, selber mit Begeisterung mache. Von solchen Vorbildern lernen Kinder!

Und dann kommt das Kind in die Schule, und plötzlich ist fest gelegt, wann es sich für was zu interessieren hat, und bis wann das Kind es bitte verstanden haben muss! Das Schuljahr ist kurz, und schließlich müssen ja noch etliche Themen behandelt und verstanden werden. Und wenn wir ehrlich sind, erwarten wir nicht nur, dass es verstanden hat, sondern, dass es mit Höchstleistung verstanden hat, welche dann in einer Benotung wieder gespiegelt wird, und bitte mindestens eine zwei!

Mit „befriedigend“ sind Eltern heute nur noch selten befriedigt!

Auch das Umfeld, und die Bedingungen, unter denen Kinder in der Schule lernen sollen, bieten nicht die besten Voraussetzungen.

Dem hohen Bewegungsdrang von Kindern, kann man nicht mit drei Stunden Sport in der Woche nach kommen, und Kinder, die sich da nicht so erfolgreich regulieren und zurück halten können, fallen sehr schnell als „Störenfriede“ auf. Im schlimmsten Falle, bekommen sie den Stempel ADHS, und werden mit Medikamenten versorgt, die sie schön ruhig und angepasst werden lassen.

Ich möchte nicht in Frage stellen, dass diese Krankheit existiert und sowohl betroffene Kinder, als auch betroffene Eltern einen hohen Leidensdruck haben. Ich möchte nur anmerken, dass nicht gleich jede Auffälligkeit eine Störung ist, die medikamentös oder therapeutisch behandelt werden muss.

Es gilt zu überdenken, ob solche Auffälligkeiten, vielleicht nur ein Symptom von nicht „artgerechter“ Haltung sein könnten!

Auch die Zusammensetzung der Klassen wäre zu verbessern. Das Kinder am liebsten von Vorbildern lernen, habe ich schon erwähnt. Wenn wir Kinder im Rollenspiel beobachten, können wir das auch deutlich sehen.

Auch wenn Papa die Bohrmaschine raus holt, und ein Loch in die Wand bohrt, der Zwei- jährige emsig mit seinem Plastik-Akkubohrer daneben steht, und alles nach macht was Papa tut, zeigt sich diese Eigenheit von Kindern ebenfalls deutlich.

Was bitte, kann ein Sechsjähriger Schulanfänger von einem Sechsjährigem Schulanfänger lernen, und reicht der Lehrer/ die Lehrerin als Vorbild?

Wie fühlt es sich für unsere Kinder an, in einem Klassenverband zu sitzen, in dem sie sich vielleicht nicht wohl fühlen, und haben sie die Möglichkeit sich dem entgegen zu setzen?

Wie fühlt es sich an, als Teenie von Mitschülern gemobbt zu werden, jeden Tag aufs neue in diese Klasse zu müssen, und unter psychischen Druck auch noch gute Leistungen erbringen zu sollen?

Wie fühlt es sich an, so elementare Dinge, wie auf die Toilette gehen, trinken, essen, eine Pause machen, nur tun zu dürfen, wenn es der Lehrer/ die Lehrerin erlaubt?

Ich denke, dass unsere Kinder das alles nur mit machen, weil sie der festen Ansicht sind, dass das, was wir Erwachsenen sagen und tun, das Richtige ist. Sie vertrauen uns zu Hundert Prozent. Und wenn sie sich unwohl fühlen, oder nicht die geforderte Leistung erbringen können, dann zweifeln sie nicht uns Erwachsene an, sondern sie zweifeln an sich selber. Sie verlieren ihr Selbstvertrauen.

Ja, natürlich, viele Kinder sind widerstandsfähig genug, um unbeschadet durch die Schulzeit zu kommen.

Sie liefern ab, was gewünscht wird, und machen Mama und Papa Stolz.

Und was ist mit den vielen Schulverweigerern? Gehen die nur nicht hin, weil sie schlecht erzogen sind und keine Lust haben?

Was ist mit den vielen Kindern und Jugendlichen, die sich in psychologischer Behandlung befinden, weil sie dem Druck nicht mehr Stand halten können?

Was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die sich aus Verzweiflung das Leben nehmen?

Sind das der Kollateral Schäden, die es in Kauf zu nehmen gilt?

Und was tue ich ?

Fest steht, ich muss meine Kinder zur Schule schicken, es besteht Schulpflicht in unserem Land.

Ich versuche ihnen, und auch den Kindern in der Einrichtung, in der ich arbeite, die Möglichkeit zu geben, ihrer Kreativität und ihrem Wissensdurst nach zu kommen. Ich lasse zu, das sie selbst wirksam tätig  werden können, auch wenn es länger dauert oder auf Wegen geschieht, die ich nicht selber gewählt hätte. Und ich versuche sie an ihren Stärken groß zu machen, und nicht an ihren Schwächen klein zu halten.

Ich kritisiere die erledigten Aufgaben meiner Kinder nicht. Ich frage ob sie zufrieden sind mit ihrer Arbeit. Sind sie es, dann bin ich es auch.

Es wird keine erzwungenen Übungsstunden zu Hause geben, und keine Tränen am Schreibtisch, weil die Hausaufgaben nicht so sind, wie ein Erwachsener sie erledigen würde. Und als mein Sohn in der ersten Schulwoche seine Hausaufgaben nicht machen wollte, habe ich das akzeptiert. Es war aber in seiner Verantwortung, dies vor seiner Lehrerin zu rechtfertigen.

Bildung findet für mich nicht nur in der Schule statt.

Ich komme meiner Aufgabe als Mutter außerhalb der Schulzeit nach, meine Kinder zu fördern. Wie? Ganz einfach, wir gehen in den Wald, bauen Stockhütten, graben Löcher, schnitzen, beobachten Tiere.

Wir machen Ausflüge ins Schwimmbad, in die Bücherei, auf den Bio- Bauernhof, an den Bach. Papa macht gemeinsam mit ihnen handwerkliche Arbeiten.

Wir sind kreativ, malen, basteln, sehen uns Bücher an. Wir kümmern uns um unsere Haustiere, fahren Fahrrad, Roller und Inliner.

Wir machen Hausarbeit, kaufen ein, beobachten die Müllwerker bei ihrer Arbeit oder stehen eine halbe Stunde an der Waschanlage und beobachten das Geschehen.

Wir forschen, toben, lachen, kuscheln, leben, und ja, ich finde das ist ein wichtiger Teil von Bildung.

Zum Thema Schule, habe ich noch einen Plan B in der Tasche. Ich habe mich einem Projekt angeschlossen, dessen Ziel es ist, eine freie Schule zu gründen.

Wir sind noch ganz am Anfang, aber wir sind voller Ideen, wie wir die Schullandschaft mit unserem Einsatz bereichern können.

Wir möchten einen Lernort für die Kinder schaffen, in dem sie unterstützt von Lehrern, und anderen Vorbildern, wie z.B. Künstlern oder Handwerkern, eigenverantwortlich, ohne Zeit- und Leistungsdruck forschen und arbeiten und lernen können.

Und ich hoffe, dass wir unsere Ideen zeitlich so umsetzen können, dass meine Kinder, wenn sie wollen, auf diese neue, freie Schule gehen können.

Solltest Du in Velbert und Umgebung wohnen, und Lust haben, Dich bei dieser Gründung aktiv mit ein zu bringen, bist du herzlich willkommen. Schreib mir einfach eine Mail.

Ich bin mir bewusst über das Privileg der Bildung, welches wir in unserem Land haben, und ich weiß, dass es viele Kinder auf der Welt gibt, denen diese Möglichkeit nicht offen steht, aber es ist höchste Zeit für Veränderung.

Und wenn nicht wir damit beginnen, wer dann?

Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg, aber ist beruflicher Erfolg der Schlüssel zum Glück?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close