„Familien sollen es kinderleicht haben“

NIKON D40426

Liebe CDU,

das ist doch mal ein schönes Wahlversprechen. Da würden wir Familien uns auch freuen, wenn wir es kinderleicht hätten, leider sieht die Realität aber anders aus. Vielleicht können Sie, von ihrem Elfenbeinturm aus, gar nicht sehen, welche Hindernisse und Probleme Familien in ihrem täglichen Alltag zu überwinden haben. Als jemand, der in doppelter Hinsicht an der Front steht (Mutter von fünf Kindern, Erzieherin), möchte ich Ihnen davon berichten.

Es fängt ja schon mal damit an, den Zeitpunkt fest zu legen, wann man eine Familie gründet. Kann man es sich leisten, für einige Zeit aus dem Job zu gehen, und auf ein Gehalt zu verzichten?

Chefs reagieren leider sehr häufig mit verhaltener Freude, wenn man ihnen mit teilt, dass man schwanger ist und Karrierechancen liegen erst mal auf Eis, wenn sie nicht sogar ganz beendet sind.

Schließlich müssen wir uns entscheiden, den unmöglichen Spagat zwischen Berufstätigkeit und Kindern zu wagen, oder eine Vollzeitmama zu sein.

Das Eine bedeutet, das Kind früh in Betreuung zu geben, die einen großen Teil des verdienten Gehalts schluckt, wichtige Momente und Entwicklungsschritte zu verpassen,und die Erziehungsarbeit Anderen zu überlassen. Familienleben reduziert sich aufs Wochenende und den Jahresurlaub.

Das Andere bringt große finanzielle Einbußen mit sich, die sich so manche Familie schlicht weg nicht leisten kann. Zu dem, ist die Anerkennung an eine Vollzeitmama sehr gering, und der Druck von Außen groß, möglichst früh wieder zurück in den Beruf zu gehen.

Da sind Sie, liebe CDU, nicht ganz unschuldig dran, hat unsere Regierung doch in den letzten Jahren entdeckt welch Steuerpotential in den Müttern steckt, die zu Hause am Herd sind.

Und wir Frauen sind auf ihre schleichenden Kampagnen rein gefallen, und glauben inzwischen selbst, es wäre unser eigener Wunsch, unser wenige Monate altes Baby zur Tagesmutter zu bringen, und unsere Arbeitskraft der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen.

Gerne in Teilzeit, gerne schlechter bezahlt als die Männer, gerne in Aufgabenbereichen, die weit unter unserer fachlichen Qualifizierung liegen, mit dem Ziel, eine Rente zu erhalten, die uns später dazu zwingt, bis ins hohe Alter zu arbeiten, oder im Müllcontainer nach Pfandflaschen zu suchen.

Hebammen, die dabei helfen, unseren Sprössling zur Welt zu bringen, finden wir kaum noch, weil unsere Regierung handlungsunfähig zu sieht, wie dieser Berufsstand fast aus stirbt. Die Haftpflichtversicherung für Hebammen ist in eine Dimensionen aufgestiegen, die kaum bezahlbar ist, und so manche freie Hebamme zum Aufgeben gezwungen hat.

Das nimmt uns Frauen ein großes Stück der Freiheit zur selbstbestimmten Geburt, die in einer Klinik, mit wirtschaftlichen Interessen, oft nicht in gleichem Maße zu verwirklichen ist.

Das die Betreuung für unsere Kinder kaum bezahlbar ist habe ich ja bereits erwähnt, abgesehen davon, dass es noch immer nicht genügenden Betreuungsplätze gibt.

Geschönt haben Sie diese Zahlen, mit den Tagesmüttern, die qualitativ hochwertige Arbeit leisten, aber mit einem Stundenlohn von rund fünf Euro, und keinen Sozialleistungen, weil selbstständig, ausgebeutet werden.

Die Praxis das Tagesmütter von der Stadt unter Vertrag genommen werden und somit Kranken- und Rentenversichert sind, hat sich leider nur in wenigen Ausnahmefällen durchgesetzt. In Großbritanien ist das übrigens üblich!

Auch die Vergütung von Erziehern, und Kinderpflegern, in den Kindertageseinrichtungen, ist noch immer zu gering, und der Personalschlüssel, zum großen Teil, eine Katastrophe.

Welch hochwertige und anstrengende Arbeit dort geleistet wird, wird leider auch von den meisten Menschen übersehen, und unterschätzt. Da braucht man sich auch nicht zu wundern, dass so wenig Männer in diesen Beruf finden, ist mit einem Erzieher Gehalt eine Familie doch nicht zu ernähren.

Und wo wir gerade von Finanzen sprechen, möchte ich Sie auf noch eine Hürde von Familien aufmerksam machen. Wer Kinder hat muss viel kaufen. Windeln, Babynahrung und Kleidung, Autositz, Kinderwagen, das Essen in der Schulkantine, die Liste ist lang. Auf all diese Produkte erhebt unsere Regierung, also Sie, neunzehn Prozent Mehrwertsteuer.

Hundefutter, Pralinen, Blumen, Popcorn im Kino und die Pommes to go kosten nur sieben Prozent Mehrwertsteuer. Von Entlastung für Familien kann man da nicht sprechen. Steuereinnahmen, auf die Sie scheinbar nicht verzichten wollen, die aber zu Lasten der Schwächsten in unserem Land gehen.

Auch beim Thema Ernährung und Gesundheit, könnten Sie, durch ihr Einschreiten, einiges für Familien verbessern. Sie dulden z.B. sogenannte Kinderlebensmittel, die versteckte Zucker- und Fettbomben sind, und weigern sich beharrlich eine Kennzeichnung ein zu führen, die das für alle Verbraucher schnell sichtbar machen würde. Unsere Kinder werden immer adipöser, Diabetes ist eine Volkskrankheit geworden, dank dieser „Lebensmittel“. Aber kranke Menschen kurbeln die Wirtschaft ja auch an, besonders die der Pharmaindustrie!

Schlechtes, industriell gefertigtes Essen ist billig, gute, hochwertige Nahrungsmittel sind teuer. Gerade Familien müssen häufig auf jeden Cent schauen, da fällt die Kaufentscheidung oft nicht freiwillig. Auch hier drängt sich der Verdacht auf, das Profit vor Schutz der Menschen geht.

An unserem Schulsystem könnte, und muss sich einiges verändern, von dem unsere Kinder und damit die ganze Familie profitieren würde.

In Deutschland wird an einem Schulsystem fest gehalten, dass zur Zeit der Industrialisierung, aus Bauern, Arbeiter machen sollte, und Fachkräfte lieferte, die widerstandslos und treu ihre Arbeit verrichteten. Individualität und Kreativität war nicht erwünscht. Und wie Damals, werden noch Heute, Kinder in den Schulen wie Behälter mit Wissen befüllt, abgefragt und benotet. Ihnen wird nicht die Möglichkeit gegeben, sich in ihrem eigenen Lerntempo zu entwickeln. Sie werden nach vier Jahren Grundschulzeit separiert und in Kategorien eingeteilt. Sie stehen unter größten Leistungs- und Konkurrenzdruck. Entziehen können sie sich dem nicht, dank der Schulpflicht, an der von unserer Regierung diskussionslos festgehalten wird. Wer nicht ins System passt, hat Pech gehabt, und macht sich als Schulverweigerer strafbar.

Schon im Kindergarten soll möglichst auf die Schule vorbereitet werden, vorzugsweise auf das Gymnasium.

Die Forschungsergebnisse der modernen Hirnforschung, wie Kinder lernen, werden weiter ignoriert und nicht um gesetzt. Der Fokus liegt auf den sogenannten Hauptfächern, wie z.B. Mathematik- und Deutschunterricht, musische Fächer spielen nur am Rand eine Rolle. Begabungen in dieser Richtung, werden als unwichtige Nebensache ab getan. Priorität hat das Lernen für die Schule. Kinder werden mit sinnlosen Hausaufgaben gequält, an denen sie einen großen Teil ihrer Freizeit sitzen müssen. In Klassenzimmern, aus Büchern, wird z.B. Wissen über den Wald vermittelt, statt vor Ort, als Teil Dessen, zu lernen. Unterrichtsinhalte werden aus dem Kontext gerissen und sind somit für die Kinder weder verständlich, noch auf das echte Leben um zu setzten.

Dem natürlichen Bewegungsdrang von Kindern, wird in winzig kleinen Sporteinheiten Rechnung getragen, die bei Lehrermangel als erstes vom Stundenplan gestrichen werden.

Auch die Inklusion ist eine halbherzig umgesetzte Idee. Sonderpädagogische Schulen mit ausgebildetem Fachpersonal sind laut unserer Regierung überflüssig geworden. Kinder mit Sonderbedarf sollen Schulen besuchen, dessen Klassenstärke und Lerntempo, für sie völlig überfordernd sind. Lehrer werden auf diese Aufgabe nicht vorbereitet und allein gelassen.

Inklusion, liebe CDU, heißt, den Menschen so an zu nehmen, wie er ist, mit all seinen Schwächen und Stärken, und ihn nach seinen Möglichkeiten zu fordern und zu fördern. Das funktioniert mit ihrer Umsetzung der Inklusion nicht.

Großfamilien finden kaum Unterstützung in Deutschland. Eine Familienkarte im Spaßbad beinhaltet maximal zwei Kinder, Musikunterricht- und Sportvereinsgebühren sind für mehrere Kinder kaum zu stemmen. Schulmaterial, Kleidung, Hygieneartikel, Lebensmittel, Spielzeug, Auto, Wohnung, alles wird in XXL benötigt.

Wir kurbeln das Brutto Sozialprodukt fleißig an, Entlastung vom Staat oder Anerkennung in der Gesellschaft ist hier auch vergebens zu suchen. Mit mehr als zwei Kindern drängt sich ohnehin bei vielen der Verdacht auf, es mit Sozialschmarotzern zu tun zu haben, die sich am Kindergeld bereichern wollen. Die bewusste Entscheidung für mehr als zwei Kinder ist für viele eher skeptisch an zu sehen.

Kinder sind in Deutschland häufig nicht gerne gesehen.

Stillen im Café wird mit tadelnden Blicken quittiert, spielende Kinder sind eine unzumutbare Lärmquelle und Anlass zur Beschwerde. Die vier Zimmer Wohnung wird lieber an das alleinstehende Ehepaar mit Hund vergeben, der Mutter mit Kinderwagen wird weder die Tür aufgehalten, noch packt jemand mit an, wenn sie damit die Treppe hoch muss. Die Quengelware steht immer noch direkt im Wartebereich an der Kasse, und das weinende Kind davor ist eben einfach nur schlecht erzogen!

Das war nur ein Bruchteil von dem, was Familien daran hindert, es kinderleicht in Deutschland zu haben. Sie haben viel versäumt in den letzten Jahren, liebe CDU, und bunte Plakate mit Versprechungen, dessen Verfallsdatum nach der Wahl erreicht ist, sind leider noch kein Grund, Ihnen meine Stimme zu geben.

Ihre

Tanja S.

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