Ein „großmütterlicher“ Ratschlag

2017-20-08-18-25-14

Wir waren gestern in der Stadt unterwegs, und nachdem wir unsere Besorgungen erledigt hatten, gönnten wir uns noch ein Eis auf die Hand. Eis essen und dabei laufen ist für zwei Mitglieder unserer Familie beinah unmöglich, ohne das nicht entweder die Eiskugel auf dem Boden landet, oder man in irgendeinen Aufsteller oder in einen Passanten rennt. Und damit das Papa und Mama nicht passiert, haben die Kinder beschlossen, dass wir uns auf eine Bank setzen.

Besagte Bank stand vor dem Geschäft eines Anbieters für Telekommunikation. Dieses war, wie gewöhnlich sehr voll, und die zwei Mitarbeiter bemühten sich dem Andrang von Fragen und Beschwerden nach zu kommen. Welche Wünsche die Kunden hatten, weiß ich natürlich nicht wirklich, ich schlussfolgere nur aus eigenen, zahlreichen Erlebnissen mit diesem Unternehmen.

In der Schlange der Wartenden stand eine junges Paar, mit Kinderwagen. In dem Wagen schien sich ein noch sehr kleines Baby zu befinden. Das Verdeck war hochgeklappt, und ein Federkissenberg quoll über den Rand der Kinderwagenwanne. Der Grund, warum mein Blick an diesem Paar hängen blieb, war zum Einen eben dieser Kinderwagen, der wirklich sehr schön war und sicher nicht billig, aber dessen Wanne nach Vorne gerichtet war, so das das Kind, seine Eltern nicht sehen konnte. Zum Anderen, fiel die hektische vor und zurück Schiebebewegung auf, die wir Eltern reflexartig machen, wenn man uns einen Schiebegriff in die Hand gibt. Ich selbst habe mich schon dabei erwischt, wie ich bei einem Einkauf, ohne Kind, den Einkaufswagen rhythmisch hin und her schob, während ich mich mit einer Bekannten unterhielt. Die Eier im Wagen waren sehr beruhigt!

In diesem Fall waren zwar die Türen des Ladenlokals geschlossen, das Weinen des Säuglings war aber deutlich zu hören.

Natürlich kam niemand auf die Idee, das Paar vor zu lassen. – Wir sind hier in Deutschland, und da wird nicht vor gelassen, wer zuerst kommt, mahlt zu erst. Wenn die hier mit einem Kind hin kommen, sind sie selber Schuld, und überhaupt, haben die denn noch nichts von Verhütung gehört, so was muss doch heut zu tage nicht mehr sein!- ( nur mein bösartiges, fiktives Gedankenspiel)

Schließlich verließ der Mann samt Kinderwagen des Geschäft und schaukelte den Wagen nun draußen weiter. Die Frau blieb in der Schlange stehen. Mein Verdacht bestätigte sich, das Weinen kam nicht von den Telekom Mitarbeitern, sondern vom Baby.

Ich habe mich natürlich nicht getraut, aber am liebsten wäre ich zu diesem jungen Vater gegangen, hätte ihm großmütterlich meine Hand auf die Schulter gelegt, und gesagt: „ Junge, ich will mich ja nicht einmischen, aber dein Baby weint, weil es allein ist. Es kann Euch nicht sehen. Dreh doch bitte jetzt die Wanne von Eurem wirklich schicken Kinderwagen so, dass du deinem Kind in die Augen schaust, wenn du ihn schiebst, das könnte helfen.“

Hätte ich mich getraut, hätte er mir wahrscheinlich vor`s Schienbein getreten, und mir geraten, das Weite zu suchen. Nein, so gewalttätig sah er nicht aus. Aber sicher hätte er mich für unverschämt und anmaßend gehalten. Zu Recht, man verteilt ja auch nicht ungefragt Ratschläge, und vielleicht hatte sein Baby ja auch Hunger oder die Windel war voll. Aber dennoch müssen wir über die Transportlogistik von Babys sprechen, und einige Hintergründe beleuchten.

Es ist wichtig, das Babys elterliche Nähe spüren, und wenn möglich sogar Körperkontakt haben können. Ein Baby ist steinzeitlich darauf programmiert, Alarm zu schlagen wenn es allein ist. Das war überlebenswichtig, denn Babys, die in der Steinzeit länger allein irgendwo rum lagen, liefen Gefahr, als Raubtierfutter zu enden. Ein Baby ist nicht in der Lage für seine Sicherheit zu sorgen, oder sich allein zu versorgen, also muss es immer wieder sicher stellen, ob jemand in der Nähe ist, der das tut. Das hat sich auch nach der Steinzeit nicht geändert. Sicher würde es gerne, alle paar Minuten freundlich fragen, ob noch jemand da ist, aber das kann es nicht. Es mangelt ihm noch an Worten, und so ist eine seiner wichtigsten Kommunikationsformen das Weinen.

So, und jetzt zurück zu unserem, in Fahrtrichtung geschobenen, Säugling. Dieses Kind liegt in einem Kinderwagen, in dem alle fremden Einflüsse, wie Passanten, Fahrzeuge, Häuser, an ihm vorbei jagen, in einem Tempo, das rasant ist für einen Säugling, auch wenn die Eltern in Spaziergeschwindigkeit laufen. Das Kind kennt nichts von diesen beängstigenden Dingen, es weiß nicht, dass ein Auto ein Auto ist, und ein Haus ein Haus. Die einzig Vertrauten, nämlich Mama und Papa, kann es weder sehen, noch riechen, noch fühlen. Dazu kommt, dass ein Neugeborenes nicht weiß, das Mama weiter existiert, auch wenn sie den Raum verlässt. Es weiß nicht, dass es ein Nebenan gibt, ein Gleich und ein Später, es weiß nicht, dass Mama oder Papa am anderen Ende des Kinderwagens schiebt. Es fühlt sich allein und in Gefahr, und ich kann sein Weinen gut verstehen.

Und auch beim Tragen, egal, ob im Tuch, oder in einer anderen Tragevorrichtung, gilt das gleiche Prinzip. Wendet eure Kinder zu Euch. Ja, ich kenne das Argument: „Mein Kind ist so neugierig, das will was sehen“. Und das stimmt ja auch, Kinder wollen die Welt kennen lernen. Aber bitte in kleinen, für ihr Alter angemessenen Häppchen. Sie haben ja in der Trage oder im Tuch auch die Möglichkeit nach links und rechts zu sehen, wenn sie neugierig werden, und ihr Köpfchen einigermaßen kontrollieren können. Aber wenn es ihnen zu viel wird, oder zu beängstigend, können sie sich wieder bei Euch verkriechen und Halt und Sicherheit finden. Ganz davon ab gesehen, zwingt ihr den Rücken Eures Kindes in ein Hohlkreuz, wenn ihr es von Eurem Körper abgewandt tragt. Und das kann nur schädlich für seine Entwicklung sein, auch, wenn einige Babytragen Hersteller mit dieser Art zu tragen werben.

Kinder zeigen uns Erwachsenen sehr deutlich, was sie mögen, und was nicht. Und weinen ist kein Mittel um uns Erwachsene zu ärgern oder zu provozieren. Es ist das Signal von unserem Kind, das etwas nicht stimmt, und es sich gerade nicht wohl fühlt. Das gilt übrigens ebenfalls für ältere Kinder, auch ihr Weinen ist keine Provokation sondern ein Hilferuf,  wenn es sich auch für uns manchmal anders an fühlt!

Wir müssen ihnen nur genügend Zeit lassen in der Welt an zukommen, Zeit die Welt kennen zu lernen und ihren Platz darin zu finden. Wir müssen für sie ein zuverlässiger Hafen sein, in dem sie sich ausruhen können, Schutz und Geborgenheit finden, und sich verstanden und ernst genommen fühlen. Ich glaube, dann ist schon ein wichtiger Teil „Erziehungsarbeit“ getan.

Bücher zum Thema:

„Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt.“

von Herbert Renz – Polster

„Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“

von Jean Liedloff

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close