Schuluntersuchung ohne Happy End

Wir haben lange auf diesen Brief gewartet. Also, ich nicht so sehr, aber meine beiden angehenden Schulkinder. Als dann alle Kindergartenkollegen bereits geladen waren, und mit bravour bestanden hatten, kamen erste Ängste auf, vergessen worden zu sein und noch ein Jahr in den Kindergarten gehen zu müssen. Also, bei mir nicht, ich hätte diesen Umstand sogar begrüßt, aber bei oben genannten Bildungseleven.

Natürlich umsonst, die Kreisverwaltung vergisst nichts. Per Post bekommen auch wir unsere Einladung zur Schuluntersuchung. Bei Zwillingen wird geraten, eine Begleitperson mit zu bringen, da nicht beide Kinder gleichzeitig im Untersuchungsraum sein dürfen. Klar, wir wollen ja nicht gleich mit „ab gucken“ anfangen. Darum begleitet uns die große Schwester zum Termin. Die Kinder sind aufgeregt, aber benehmen sich vorbildlich, sie spüren, hier geht es um was. Mein Sohn wird als erster mit mir in den Untersuchungsraum gebeten. Er gibt sein Bestes, verweigert nichts, und malt emsig und hoch konzentriert alles Gewünschte vor, nach, drüber und drunter. Er leistet sogar noch etwas mehr als das Geforderte. Macht hier und da noch einen Schnörkel und malt eine Sonne zum Menschen, damit er es ein bisschen schöner hat, da auf dem weißen Blatt. Aber das ist nicht gewünscht. Er soll nur machen, was ihm gesagt wird. Und das tut er dann auch. Er streicht traurige Smilys durch, und läßt lachende stehen, während die nette Dame die Zeit mit der Stoppuhr misst. Ich sitze da, und betrachte das Kerlchen aus der Entfernung. Er tut mir leid. Er freut sich auf die Schule, freut sich darauf etwas zu lernen. Und ich weiß, dass diese Freude ihm vermutlich Stück für Stück ab trainiert wird. Schon hier muss er Leistung bringen, nach Stoppuhr! Er fragt nicht nach dem Sinn dieser Aktion. Auch die körperliche Untersuchung läßt er über sich ergehen. Er muss sich bis auf die Unterhose aus ziehen, turnen und von der Ärztin untersuchen lassen. Sie erklärt ihn für Schulreif und schreibt unter die Beurteilung sogar noch, „tolles Schulkind“. Mit stolz geschwellter Brust verlassen wir den Raum. Ich übergebe das „tolle Schulkind“ an die große Schwester, und betrete die Arena erneut, mit der kleinen Schwester. Auch sie gibt alles, fragt nicht, klagt nicht und ist hoch motiviert.

Bis sie sich vor der fremden Dame ausziehen soll! Das Kind schaut mich an, ihr schießen Tränen in die Augen, sie sagt „Nein“ und klettert auf meinen Schoß. Ich rede auf sie ein, die Schulärztin redet auf sie ein. Sie sagt „Nein“. Die Schulärztin schlägt vor, die Schwester rein zu holen, und mich raus zu schicken, denn ihrer Meinung nach, liegt das Problem bei mir. Das verstehe ich nicht. Ich versuche zu erklären, dass das Kind schon seit einigen Wochen beginnt schamhaft zu sein, was für das Alter ja auch nicht ungewöhnlich ist. Sie bleibt dabei, ich bin das Problem.

Jetzt beginnt, die anfangs so freundliche Dame, etwas weniger freundlich zu werden. Sie habe auch nicht ewig Zeit, dann müßten wir eben noch einmal kommen. “ Schicken sie das nächst mal ihren Mann, dann klappt das schon“. Auf meine Frage, was passiert, wenn nicht, antwortet sie, dann müsse sie eine Meldung an die Schule machen. Und im übrigen hätten beide Kinder einige Defizite, die bearbeitet werden müßten. Auch das „tolle Schulkind“! Mein zaghafter Hinweis darauf, dass die Kinder erst am Tag der Einschulung sechs werden und aus pädagogischer Sicht in ihrer Entwicklung absolut im Rahmen liegen, bringt die Dame nun völlig aus der Fassung. Sie wirft mir vor, ich zweifle ihre Kompetenzen an, sie hätte nun wirklich genug Erfahrung als Ärztin und Pädagogin. Ich gebe auf, und erkläre mich bereit, erneut mit meiner Tochter zu erscheinen. Das Kind weint, und noch im Flur beteuert sie mir, hier nie wieder hin zu gehen.

Im Auto lasse ich mir das eben Erlebte noch einmal durch den Kopf gehen. Auf der Rückbank muss das kleine, traurige Mädchen die Häme des Bruders über sich ergehen lassen. Er ist sich sicher, sie darf jetzt nicht in die Schule gehen, und hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Und ich bin mir sicher, wir haben hier gerade einen sch… Start für die Schule hin gelegt. Ich bin mir auch sicher, dass sie sich beim nächsten mal nicht aus ziehen wird. Und noch sicherer bin ich mir, dass ich sie dazu nicht zwingen werde. Warum ist diese Untersuchung eigentlich nicht auch angezogen möglich? Auf einem Bein hüpfen kann man auch mit Kleidung und ob die Wirbelsäule gut entwickelt ist, und Herz und Lunge einwandfrei arbeiten, hat bereits der Kinderarzt in den letzten sechs Jahren bei jeder U- Untersuchung überprüft, und für gut befunden.

Ich frage mich ,ob ich nicht eigentlich stolz auf das klare „Nein“ meines Kindes sein sollte. Sie hat ihre Grenze erkannt, deutlich geäußert und sich nicht überreden lassen. Und sie hat Recht damit. Sie muss sich vor niemanden aus ziehen, wenn sie das nicht möchte. Das ist doch genau das, was wir unseren Kindern, und besonders unseren Töchtern beibringen sollten. Dein Körper gehört dir, du allein bestimmst darüber, und niemand darf dich zu etwas zwingen was du nicht willst! Wir wollen unseren Kindern bei bringen, ihre Meinung zu vertreten und deutlich zu äußern. Aber wenn sie es dann tun, mögen wir Erwachsenen das nicht so gern. Kinder, die nicht wollen, sind unbequem.  Ich wünsche mir, für unsere Kinder, dass sie Erwachsene werden, die ihr Leben meistern, ohne sich selbst dabei verleugnen zu müssen. Wer mag schon „Ja- Sager“ und Fähnchen in den Wind Hänger? Dann wird es Zeit ihr „Nein “ zu akzeptieren, damit sie nicht zu eben diesen werden. Das heißt nicht, dass meine Kinder den Ton angeben. Ich bin immer noch der Häuptling (mein Mann natürlich auch:), und es gibt Dinge, die nicht diskutierbar sind. Und auch ich will mich nicht verbiegen müssen. Ich habe auch meine Grenzen, und auch die muss ich äußern dürfen. Ich denke, das ist die Kunst der Erziehung. Nicht dran ziehen, nichts abreißen, nichts platt treten, einfach das Licht sein, in dessen Richtung sie wachsen können und Ungeziefer fern halten!

Zu Hause sage ich, dem noch immer geknickten Kind, dass es alles richtig gemacht hat und dort nicht mehr hin muss. Die nächste „Vorladung“ ignorieren wir und nehmen die Konsequenzen in Kauf. Sie wird trotzdem ihren Weg machen. Sich ausziehen, gehört glaube ich, nicht zu den Pflichtfächern in deutschen Grundschulen.

 

 

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